Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 2. Band, 1967

führen, Vb.

führen /Vb./
1. jmdn. leiten, lenken
a) jmdm. den Weg zu einem bestimmten Ort zeigen, indem man mit ihm geht: er führte den Fremden zum Hotel; du hast uns den falschen Weg geführt; er führt den Blinden über die Straße; sie führte ihn an das Grab seiner Eltern; jmdn. veranlassen, in eine bestimmte Richtung mitzugehen: er hat mich auf die Seite geführt, um etwas mit mir zu besprechen; den Verurteilten zur Hinrichtung f.; die Truppen ins Gefecht f.; die Kinder spazieren f.; den Hund an der Leine f.; den Gast ins Haus f.; jmdn. am Arm, an der Hand f.; die Dame in den Speisesaal, zu Tisch, zum Tanz f.; der Direktor selbst übernahm es, die Gäste zu f. (zu begleiten und Erläuterungen zu geben) beim Tanzen soll der Herr (die Dame) f. (angeben, wie und wohin getanzt wird) /bildl./ der Autor führt den Leser sicher durch das Gewirr der Theorien; junge Menschen geschickt, taktvoll f.; von erfahrener Hand geführt, hat er sich zu einem guten Spezialisten entwickelt; ein Volk in Abenteuer f.; dieser Hinweis hat die Polizei auf die richtige Spur geführt; der Ansager führt durch das Programm; die Schule führt (betreut, unterrichtet) die Schüler bis zur 10. Klasse was führt Sie zu mir (was veranlaßt Sie, zu mir zu kommen)? /übertr./ jmdn. zu der Erkenntnis f., daß …; jmdn. auf die rechte Bahn, den rechten Weg f.; sich nicht in die Irre f. lassen; jmdn. in Versuchung f.; umg. jmdn. aufs Glatteis f. (jmdn. in eine heikle Situation bringen; jmdn. anführen, hereinlegen wollen) jmdn. hinters Licht, salopp auf den Leim⌝ f. (jmdn. betrügen, anführen) jmdn. am Gängelband f. (jmdn. gängeln, beherrschen) Rel. geh. die Braut zum Altar f. (sich mit ihr trauen lassen)
b) an der Spitze einer Organisation stehen, jmdn., etw. befehligen: General Z führt die 2. Armee; e. Regiment, Truppenteil f.; die Delegation wurde vom Handelsminister geführt; e. Betrieb, Geschäft f.; die Wirtschaft (eines Landes) f. /oft im Part. Präs.; vgl. / führend maßgebend, einflußreich: ein führender Politiker, Funktionär; die führenden Kreise des Landes; es waren führende Persönlichkeiten des kulturellen Lebens anwesend; die führenden Männer der Wirtschaft; er steht an führender Stelle, nimmt eine führende Stellung ein; die führende Rolle einer Partei; die führende Zeitung der Hauptstadt; Mus. die führende Stimme (Stimme, die die Melodie singt, spielt)
2. an der Spitze der Leistungen stehen: dieser Betrieb führt im sozialistischen Wettbewerb; dieses Land führt im Baumwollhandel; Sport die Gäste führten nach der Halbzeit mit 4:2 Toren; dieser Boxer führt nach Punkten, klar; dieser Verein führt in der Tabelle; /oft im Part. Präs.; vgl. / dieses Land ist auf dem Gebiet der Elektroindustrie führend in der Welt; dieses Atelier ist modisch führend; er ist auf seinem Fachgebiet führend; der Betrieb gehört zu den führenden Stahlproduzenten; das führende Hotel am Platz; die führenden Köpfe auf dem Gebiet der Physik; kurz vor dem Ziel überholte R seinen bis dahin führenden (im Rennen vorn liegenden) Klubkameraden G
3. etw. in einer bestimmten Richtung bewegen
a) das Glas an die Lippen f.; einen Bissen zum Munde f.; die Hand an die Mütze f.; Er führte das Monokel langsam an das rechte Auge H. W. Richter Spuren 180; er führt den rotierenden Bohrer gegen das Werkstück; der Lehrer führt dem Schüler beim Schreiben die Hand; es war mir, als führe mir eine Geisterhand den Pinsel Brod Tycho Brahe 203; er war abgestiegen und führte (schob) das Fahrrad
b) ein Fahrzeug lenken: die Polizei untersagte ihm, ein Kraftfahrzeug zu f.; ein Flugzeug f.;
c) /Sonderbedeutungen/ die Straßenbahnlinie, Wasserleitung bis in die Vororte f. (bauen) das Seil um eine Rolle f. (legen) die Linie in einem Bogen f. (zeichnen) Bergm. die Wetter durch den Schacht zum Abbaufeld f. (leiten)
d) /übertr./ einen Gedanken ad absurdum f. (die Sinnlosigkeit eines Gedankens beweisen) bestimmte Gründe ins Feld, Treffen f. (in der Diskussion anführen, vorbringen) jmdm. etw. vor Augen f. (jmdm. etw. klarmachen, jmdn. auf etw. aufmerksam machen) ein Unternehmen zum Erfolg f. (erfolgreich beenden) eine Erzählung, das Studium, seinen Gedankengang zu Ende f. (beenden, vollenden) umg. scherzh. sich /Dat./ eine Tasse Kaffee, ein Stück Torte zu Gemüte f. (eine Tasse Kaffee, ein Stück Torte zu sich nehmen) sich /Dat./ einen Zeitungsartikel zu Gemüte f. (einen Zeitungsartikel lesen) Dort [im Märchen] führt (gestaltet) der Erzähler seine Fabel so, daß noch Hoffnung für das Ehepaar bliebe A. Zweig Beil 23
e) veralt. An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich führte (brachte) seine Leiche … nach Ulfelden Raabe I 1,42 (Sperlingsgasse)
4. etw. führt wohin
a) /räuml./ dieser Weg führt in die Stadt auf diesem Weg kommt man in die Stadt: die Treppe führt in den Keller; diese Tür führt vom Haus in den Garten; die Chaussee führt durch den Wald; in S führt eine Brücke über den Fluß; diese Straße führt zum Bahnhof; /sprichw./ viele Wege f. nach Rom (es gibt viele Methoden, ein Ziel zu erreichen) mein Weg führt nach links (ich muß nach links gehen) seine Reise hat ihn durch viele Länder geführt (auf seiner Reise ist er durch viele Länder gekommen) verlaufen: die Spuren im Schnee f. in den Wald; das Rohr führt durch den Keller; die Autobuslinie führt vom Bahnhof zum Rathaus; das Pferderennen soll über 2000 Meter f. (ausgetragen werden) /bildl./ sein Lebensweg hat ihn durch Höhen und Tiefen geführt; die Lösung dieses Problems führt aus der Sprachwissenschaft in die Logik
b) etw. führt zu etw. etw. bringt etw. hervor, hat etw. zur Folge: die Untersuchungen führten zu einem guten Ergebnis; die Hungersnot hat zu Unruhen geführt; das führt zu nichts, zu keinem guten Ende; das führt zu falschen Schlußfolgerungen; das hat zu der Entdeckung geführt, daß …; ein solches Erlebnis kann zur Verzweiflung f.; es ist fraglich, ob diese Methode zum Ziel führt; das führt zum Chaos, Ruin, Streit; das führt zur Verneinung jeglicher Autorität; Infektionen f. zur Schwächung des Organismus; er glaubte, daß dieser Brief zur Erfüllung seiner Wünsche f. werde; das Tief wird im Laufe des Tages zu örtlichen Niederschlägen f.; dieser Gedanke führt nur auf Abwege; diese Politik führt ins Verderben, in die Sackgasse; wohin soll das noch f.?; das führt ins Uferlose; etw. führt zu weit etw. geht über das vertretbare Maß hinaus: diese Forderung führt zu weit; alle Namen aufzuzählen, würde zu weit f.; er kann sich nicht beherrschen. Das führt so weit (erreicht ein derartiges Maß), daß …
5. etw. haben
a) etw. als Kennzeichen haben: dieses Schiff führt die schwedische Flagge; das Auto führte keine polizeilichen Kennzeichen; das Überfallkommando führt blaues Licht; die Stadt Berlin führt einen Bären im Wappen /übertr./ etw. (Böses) gegen jmdn. im Schilde f. (vorhaben, beabsichtigen) etw. als Bezeichnung haben: er führt den Titel Professor; einen Künstlernamen f.; der Sportplatz führt den Namen Zentralstadion;
b) etw. bei sich haben, tragen: er führte viel Gepäck bei sich; er führte kein Handwerkszeug bei sich; Waffen mit sich f.; die Demonstranten führten Transparente bei sich; der D-Zug führt einen Speisewagen; geh. jmdn. in seiner Begleitung haben: er führte großes Gefolge mit sich;
c) etw. zum Verkauf haben: dieses Geschäft führt solche Waren nicht; Haben Sie auch Hüte? Nein, die f. wir nicht; das Restaurant führt alle heimischen Gerichte;
d) etw. enthalten (und befördern, forttragen): die Leitung führt Strom, Gas; der Fluß führt Hochwasser; diese Erdformation führt Kohle
6. /in Verbindung mit Substantiven, die vornehmlich einen Vorgang, eine Handlung bezeichnen, im abgeblaßten Sinne von durchführen, machen; f. + Akk.obj. umschreibt einen Verbalbegriff/ ein Gespräch mit jmdm. f. mit jmdm. sprechen: eine Unterhaltung, Polemik mit jmdm. f.; die Diskussion offen f.; Beratungen, Besprechungen, Verhandlungen mit jmdm. über etw. f.; Klage über etw. f.; Beschwerde f.; über etw. Protokoll f.; einen Prozeß gegen jmdn. f.; in der Angelegenheit von Z werden noch Untersuchungen geführt; den Nachweis f., daß …; Jur. sonst papierdt. den Beweis für etw. f.; die Verwaltung von Grundstücken f.; einen erbitterten Kampf gegen jmdn. f.; ein straffes, eisernes Regiment f.; wirre Reden f.; gehässige, zweideutige Reden f. (sich gehässig, zweideutig äußern) mit jmdm. einen Briefwechsel f. (korrespondieren) über etw. Buch f. (etw. regelmäßig genau eintragen) Krieg gegen jmdn. f. (jmdn. bekämpfen, im Krieg mit jmdm. sein) den Hauptstoß gegen etw. f. (etw. mit den stärksten Kräften angreifen) jmdm. den Haushalt, die Wirtschaft f. (jmdn. betreuen) etw. betreiben: ein Geschäft f.; So lange ich mich erinnern konnte, führte er nebenher auch die Schusterei Marchwitza Jugend 30; etw. ausüben: die Regierungsgeschäfte, die Geschäfte des Vorsitzenden f.; sein Amt gewissenhaft f.; d. Befehl, Kommando f.; Regie f. (Regisseur sein) er führte bei der Versammlung den Vorsitz (war Vorsitzender) in der Pause führt ein Lehrer die Aufsicht (ist ein Lehrer Aufsichthabender) ein geordnetes Leben f. in geordneten Verhältnissen leben: ein schönes, schlechtes Leben f.; ein Doppel-, Eigen-, Herren-, Lotter-, Wohlleben f.; ein vorbildliches Familienleben, eine glückliche Ehe f.; einen ausschweifenden, sauberen Lebenswandel f.; ein kümmerliches Dasein, eine gesicherte Existenz f.; ein großes Haus f. (luxuriös leben) etw. verwalten: d. Hauptbuch, Kasse, Konto, Bücher f.; eine sorgfältig geführte Kartei; e. Liste, Tagebuch f. (regelmäßig in einer Liste, einem Tagebuch Aufzeichnungen machen) jmdn. in den Akten als Mitglied, Untermieter f. (verzeichnet, eingetragen haben)
7. etw. handhaben, gebrauchen
a) er versteht, den Degen zu f.; die Waffen gegen jmdn. f.; der Meister zeigte den Lehrlingen, wie man die Feile, Säge richtig führt; d. Geigenbogen, Nadel, Pinsel, Sense geschickt f.; /übertr./ in der Familie führt sie das Zepter (regiert sie) geh. er versteht die Feder zu f. (weiß sich schriftlich gut auszudrücken)
b) /mit der Nebenbedeutung des Durchführens, Machens, vgl. / eine anmaßende, deutliche, feste, kühne Sprache f.; /übertr./ ständig Phrasen im Munde f. (beim Sprechen gebrauchen) umg. das große Wort f. (im Gespräch den Ton angeben) Siegmund glaubte weder verpflichtet noch ermächtigt zu sein, für die anderen das Wort zu führen (für die anderen zu sprechen) Musil Mann 847
8. sich f. sich in einer bestimmten Weise während eines längeren Zeitraums betragen, verhalten: wie hat sich der Junge in der Schule geführt?; der Strafgefangene hat sich gut, schlecht geführt; sich straffrei f.;

Im WDG stöbern

a b c d e f g h i j
k l m n o p q r s t
u v w x y z - ' & µ
Fusel
Zitationshilfe
„führen“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/führen>, abgerufen am 22.09.2021.

Weitere Informationen zum Zitieren …


Weitere Informationen zum Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)