Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 3. Band, 1969

lassen

lassen(er läßt,) ließ, hat gelassen
1. /bei vorangehendem Inf. steht der Inf. von l. statt des Part. Prät. / bewirken, daß etw. geschieht, etw. veranlassen: jmdm. etw. melden, ausrichten l.; ich habe es ihm mitteilen l.; jmdn. etw. entgelten, wissen l.; jmdn. kommen, rufen, bitten, mahnen, bezahlen l.; ich habe dich, mußte dich leider warten l.; hast du ihn grüßen l.?; etw. verschwinden l.; sich bedienen, verleugnen l.; umg. sich /Dat./ etw. anschreiben l. ; ich werde rechtzeitig von mir hören l.; er ließ sich /Dat./ den Preis sagen; sich /Dat./ einen neuen Mantel machen l.; ich muß mir einen Voranschlag machen l.; sich /Dat./ etw. hoch bezahlen l.; jmdn. nicht hochkommen l.; wir wollen das Kind etw. Richtiges lernen l.; der Dichter läßt seinen Helden einen schweren Kampf bestehen; etw. nicht laut werden l.; den Hund apportieren, das Pferd galoppieren l.; einen Stein ins Wasser fallen l.; ich habe mir sagen l. (habe erfahren), daß … sich /Dat./ etw. durch den Kopf gehen l.; ich lasse bitten (führen Sie den Besucher herein)! sie läßt Wasser in die Wanne sie dreht den Wasserhahn auf, damit das Wasser in die Wanne läuft: sie hatte bereits das Wasser in die Wanne gelassen; Wein vom Faß l.; die Luft aus den Reifen, den Dampf aus dem Kessel l.;
2. /bei vorangehendem Inf. steht der Inf. von l. statt des Part. Prät. / etw. gestatten
a) /gelassen ist in Zusammenschreibung mit dem vorangehenden Inf. möglich, vgl. fahren- fallen- gehen- laufen- liegen- sitzenlassen / etw. erlauben, zulassen, nicht hindern: jmdn. schalten und walten l.; laß ihn doch schlafen, ungestört arbeiten!; jmdn. reden, etw. geschehen l.; ich habe sie gewähren l.; /sprichw./ leben und leben l.; jmdn. etw. lesen, merken, ahnen, erraten, erzählen l.; Nur vergessen, nur sich fallen lassen Kasack Stadt 441; auf ihn lasse ich nichts kommen; darüber lasse ich mit mir reden; ich lasse mir nichts vorschreiben, befehlen; das lasse ich mir nicht gefallen, nicht nehmen er läßt sich /Dat./ nichts sagen (duldet keine Zurechtweisung) den Vorwurf kann ich nicht auf mir sitzen l.; er will mich nicht dahin fahren l., will mich nicht nach Hause gehen l.; etw. über sich ergehen l.; ich will es noch einmal hingehen l.; jmdm. etw. durchgehen l.; sie ließ ihn nicht zu Worte kommen; laß dir raten, helfen, erzählen!; umg. laß dir nichts vormachen!; laß mich das machen!; die Dinge laufen l.; den Kindern allen Willen l.; seinen Gefühlen freien Lauf l.; jmdm. Ruhe, Zeit, die Wahl, seine Freiheit, freie Hand l.; die Arbeit läßt mir keine Zeit; du hast dich wohl von der schönen Außenseite blenden l.; er hat sich dazu verführen, sich bestimmen l.; sich nicht beirren, hinreißen l.; du darfst dir nichts merken l., darfst dir deinen Ärger nicht anmerken l.; ich lasse mich nicht zu einem schnellen Kauf überreden; laß dich nicht abschrecken, umg. unterkriegen!; du hast dich herumkriegen l.; laß dich nicht erwischen!; laß dir ja nicht etwa einfallen, …!; geh. laß es dich nicht gereuen, verdrießen, anfechten!
b) /etw. läßt sich + Inf. / etw. kann man + Inf.: der Riegel läßt sich schwer öffnen; dieses Material läßt sich biegen, dehnen, gut verarbeiten; meine Tür läßt sich nicht verschließen; der Mantel läßt sich offen und geschlossen tragen; die Frage ließ sich nicht vermeiden; umg. scherzh. der Wein läßt sich trinken, das läßt sich essen (schmeckt gut) umg. hier läßt es sich aushalten, leben; das läßt sich nicht beweisen; dagegen läßt sich nichts einwenden; das läßt sich denken (kann man verstehen) der Vorschlag läßt sich hören (ist annehmbar) umg. das läßt sich machen (ist möglich)
c) jmdn. an einen Ort l. jmdm. gestatten, einen Raum zu verlassen, um sich an einen anderen Ort zu begeben, jmdn. hinauslassen: sie ließ das Kind in den Garten, den Vogel aus dem Käfig, die Tiere aus dem Stall, auf die Weide; laß das Kind nicht an die Treppe!; /übertr./ umg. die Katze aus dem Sack l. (seine wahre Meinung zeigen) jmdn. hereinlassen: der Hund läßt niemanden in die Wohnung; er läßt niemanden zu sich; sie ließ ihn nicht zum Chef;
3. /bei vorangehendem Inf. steht der Inf. von l. statt des Part. Prät.; abgeblaßt in besonderen Redewendungen; häufig mit Dat. u. einem Inf./ umg. scherzh. das lasse ich mir gefallen (schätze ich sehr) sich /Dat./ etw. nicht entgehen l. an etw. unbedingt teilhaben wollen: diese Gelegenheit habe ich mir nicht entgehen l.; er läßt sich nichts entgehen (leistet sich alles) ; das hätte ich mir nicht träumen l. (hätte ich nicht erwartet) ; er hat sich /Dat./ den Besuch etwas kosten l. (hat dafür viel Geld ausgegeben) sich /Dat./ etw. sauer werden l. (sich mit etw. abmühen) sich /Dat./ etw. zuschulden kommen l.; laß es dir schmecken!; es sich /Dat./ wohl, gut sein l.; laß dir das sagen, gesagt sein (befolge es)! /häufig mit Akk. u. einem Inf./ l. Sie sich nicht stören (ich will Sie nicht stören)! lasse dich nicht nötigen (greife zu, bediene dich)! er, diese Leistung kann sich sehen l. (ist beachtenswert) sich von jmdm. erweichen, erbitten l. (jmds. Bitten nachgeben) umg. sich blicken l.; ich lasse mich morgen bei dir sehen (besuche dich morgen) salopp sich nicht lumpen l.; verhüll. er ließ etw. mitgehen, mit sich gehen (stahl etw.) jmd. läßt etw. vermissen etw. fehlt bei jmdm.: der Künstler ließ die Brillanz vermissen; umg. scherzh. Geld springen l. (viel Geld ausgeben) etw., jmd. läßt auf sich warten (alle warten auf etw., jmdn.) etw. läßt zu wünschen übrig (ist nicht tadellos) es auf etw. ankommen l. (etw. wagen, riskieren) das läßt tief blicken (ist sehr aufschlußreich) jmdm. den Vortritt l.
4. etw. nicht tun, etw. bleiben-, unterlassen: ich wollte erst einen groben Brief schreiben, habe es dann aber gelassen; laßt doch das Streiten!; ich bitte dich, laß das!; ich dachte, sie würde mich auslachen, und da ließ ich es lieber Schnurre Rechnung 9; ich konnte es nicht l., über den Zaun zu sehen; sie wußte nicht, was sie tun oder l. sollte; tue, was du nicht l. kannst; all sein Tun und Lassen war auf das eine Ziel gerichtet etw., jmdn., von etw., jmdm. l. etw., jmdn. aufgeben, sich etw. abgewöhnen, jmdn. verlassen: er kann das Rauchen nicht l., kann vom Alkohol nicht l,; er wird seine Leidenschaft, wird davon, von dem Mädchen, von ihr nicht l. (können); ihr Täler und waldigen Berge, ihr Bäche im grünen Erlengehölz … o du schöne strahlende Bilderwelt, wie soll ich dich lassen! Hesse 5,263 (Narziß) ; Ach, wie ist's möglich dann, / Daß ich dich lassen kann Volksl.
5. etw. nicht verändern, etw. belassen: laß alles, wie es ist; alles beim alten l.; wir haben die Dinge so gelassen, wie wir sie vorgefunden haben; etw. zu Hause, an seinem Ort, hinter sich l.; laß die Teller im Schrank!; wir wollen das Tier am Leben l.; wir wollen es bei der Vereinbarung l.; das läßt alles weit hinter sich (übertrifft alles) es mit etw. gut, genug sein l. nicht fortfahren mit etw.: er ließ es mit dieser einen Ermahnung gut sein; wir wollen nichts unversucht l. (wollen alles versuchen) einen Brief ungeschrieben l. (nicht schreiben) diese Arbeit läßt mich unbefriedigt (befriedigt mich nicht) etw. unangetastet, ungesagt l. (nicht antasten, sagen) etw. dahingestellt sein l. (etw. nicht endgültig entscheiden) etw. außer acht, außer aller Acht l. (etw. nicht berücksichtigen) kein Auge von etw., jmdm. l. (nicht wegsehen) umg. kein gutes Haar an jmdm. l. (nichts Gutes von jmdm. reden) die Finger von etw. l. (sich auf etw. nicht einlassen) er ist tüchtig, das muß man ihm l., das muß ihm der Neid l. (muß man zugeben) über etw. keinen Zweifel l. (etw. eindeutig zeigen) jmdn. nicht zu ändern suchen: laß ihn doch!; jmdn. bei seiner Meinung, in seinem Irrtum, im Zweifel, bei seinem Glauben l.; jmdn. im dunkeln, ungewissen (über etw.) l.; salopp den l. wir so (er gefällt uns) jmdn. nicht stören: laß mich jetzt!; umg. laß mich in Ruhe, in Frieden!; laß mich aus dem Spiel!; laß mich ungeschoren, unbehelligt!
6. etw. hin-, übergeben
a) etw. an einem Ort l. etw. an einem Ort abgeben, (zur Aufbewahrung) hinterlassen: den Koffer l. wir auf dem Bahnhof, an der Garderobe; wo kann ich meinen Mantel, die Tasche l.?; wo habe ich nur meine Brille gelassen (hingelegt)?
b) jmdm. etw. l. jmdm. etw. aushändigen, überlassen: laß mir das Buch!; ich lasse dir den Mantel hier zum Pfand, als Pfand; können Sie mir die Ware nicht billiger l. (verkaufen)?
c) etw. l. etw. weggeben, verlieren: geh. sein Leben l. müssen; er hatte sein Leben für seine Idee gelassen; das Tier hat ein Bein in einer Fuchsfalle gelassen; er läßt die Gelegenheit nicht aus der Hand; umg. in diesem Wirtshaus hat er viel Geld gelassen (ausgegeben) Haare l. (müssen) nicht ohne Schaden davonkommen: bei diesem Geschäft hat er Haare gelassen, l. müssen; verhüll. Wasser (Urin) l. sie ließ alles unter sich
7. sich nicht zu l. wissen sich nicht fassen, beruhigen können: Resi … hat sich vor Wiedersehensfreude gar nicht zu lassen gewußt Kästner Lottchen 57; wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte Th. Mann 1,278 (Buddenbr.)
8. /laß(t) uns, lassen Sie uns + Inf. drückt eine höfliche Aufforderung aus / wollen wir + Inf.: laßt uns feiern!; laß uns gehen!; l. Sie uns noch ein Glas Wein trinken!;
9. /laß(t), lassen Sie + Inf. / warte(t) erst einmal ab, bis …: laß sie nur erst einmal erwachsen sein!; laßt sie erst in meinen Jahren sein!; l. Sie doch den Tag herankommen!

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Zitationshilfe
„lassen“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/lassen>, abgerufen am 23.09.2020.

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