Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 3. Band, 1969

leben, Vb.

leben /Vb./
1. sein Leben in einer bestimmten Art führen, verbringen: gut, anständig, menschenwürdig, bequem, ruhig, sorgenfrei, zufrieden, froh und glücklich l.; einfach, sparsam, kümmerlich, schlecht, elend l.; vernünftig, gesund, mäßig, enthaltsam, diät, vegetarisch l.; Intensiv leben kann man nur auf Kosten des Ichs Hesse 4,237 (Steppenw., Tract.); unbeschwert, umg. flott⌝, üppig, ausschweifend, frei und ungebunden l.; nebeneinander, gesellig, sozialistisch, zurückgezogen, illegal l.; die Ehegatten lebten (voneinander) getrennt; zu l. verstehen, wissen; hier lebt es sich prächtig; Es möchte kein Hund so länger leben! Goethe Faust I 376 er hat gelebt (sein Leben genossen) hier läßt es sich l.; l. und l. lassen (ein Leben führen, wie es einem zusagt, und dasselbe auch anderen zugestehen) jmdm. (zum Abschied) Lebe wohl! sagen; l. heißt kämpfen; wie wir heute arbeiten, so werden wir morgen l.; /sprichw./ lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben; auf Vorschuß l. umg. auf großem Fuß l.; aus dem Gefühl, Verstand heraus (gefühls-, verstandesmäßig) l.; solange ein Land derart reich ist, kann man aus dem Vollen leben (braucht man sich nicht einzuschränken) Molo Ein Deutscher 234; in Freiheit, Ehren l. im Wohlstand, Überfluß l.; herrlich und in Freuden l.; aber das geht nicht so weiter, daß du in diesem Wahne lebst R. Bartsch Geliebt 318; in dem Glauben l., daß …; in guten, geordneten Verhältnissen l.; die Menschen hier … lebten in einer festen Ordnung Hesse 5,283 (Narziß) ; in glücklicher Ehe l.; mit jmdm. in Harmonie, in enger Freundschaft l.; in Streit, Feindschaft miteinander l.; Schafe l. in Herden; mit jmdm. l. mit jmdm. enge Gemeinschaft haben: wir lebten mit unseren Freunden; verhüll. mit einer Frau l. (mit einer Frau ein intimes Verhältnis unterhalten) ; nach jmds. Vorbild l. sie lebten nach der Sitte ihrer Väter; über seine Verhältnisse l. (mehr Geld ausgeben, als man eigentlich dürfte) ; unter falschem Namen l. das kleine Volk lebte lange unter fremder Herrschaft; als Mensch, Künstler l.; wie ein Fürst, Mönch l.; trotz der Kriegswirren lebten die Bewohner der Insel wie im tiefsten Frieden; salopp wie Gott in Frankreich l.; umg. sie lebten wie die Made im Speck (sehr gut) sie l. wie Hund und Katze
2. am Leben, lebendig sein, Ggs. tot sein: er lebt noch; umg. scherzh. l. Sie denn noch? /wird gesagt, wenn sich jmd. nach langer Zeit wieder einmal bei seinen Bekannten sehen läßt/ ; seine Eltern l. nicht mehr (sind tot) kurz, lange, viele Jahre l.; Wir wollen leben um jeden Preis Remarque Im Westen 141; er kann ohne sie nicht mehr l.; wir l. im 20. Jahrhundert; Karl Marx lebte von 1818 bis 1883; er hat nicht mehr lange zu l.; es ist eine Lust zu l.; der Mensch hofft, solange er lebt; jmdn. l. lassen (nicht töten) nicht l. und nicht sterben können (dahinsiechen) umg. das ist mein Vater, wie er leibt und lebt (ganz wie er in Wirklichkeit aussieht, ist) der lebende Organismus, die lebende (organisches Leben zeigende) Materie die noch lebenden Nachkommen; weit und breit war keine lebende Seele (gar niemand) zu sehen Sie sehen wie ein lebender Leichnam aus Hartlaub Großer Wagen 270; er hat die Katastrophe lebend überstanden; die Verfolger wollten den Flüchtling lebend oder tot einfangen /sprichw./ Man lebt nur einmal in der Welt! Lortzing Waffenschmied I 4; /übertr./ im Frühling l. Wald und Flur (sind sie von Leben erfüllt) geh. in dem Hain lebt und webt alles (ist alles voller Leben) die Geige lebt (ist beseelt) in seiner Hand umg. scherzh. der Käse lebt (wimmelt von Maden) in ihm lebt (wirkt) ein fester Glaube umg. Du, so was lebt nicht mehr (so etwas ist kaum zu glauben): sie sitzen im Kabuff und sind zärtlich H. Mann 1,524 (Unrat) ; umg. scherzh. so was lebt, und Schiller mußte sterben (daß es so etwas überhaupt gibt) so wahr ich lebe (wirklich)! /Ausdruck der Beteuerung/ lebende (keine künstlichen) Blumen lebende (noch gesprochene) Sprachen studieren das lebende Inventar (Viehbestand) jmd., etw. soll l., es lebe jmd., etw. jmd., etw. soll hochleben, lebe hoch: das Brautpaar soll l.!; es lebe die Freiheit!;
3. seinen Lebensunterhalt bestreiten, existieren: man muß zu l. haben (sein gutes Auskommen haben) sie hatten kaum zu l.; ohne Beruf, Geld kann man nicht l.; von etw. l. sich von etw. ernähren: von Fleisch, gemischter Kost l.; vom Gehalt, von der Rente l.; Wir Assistenten an der Charité konnten ja von der Substanz nicht leben Brugsch Arzt 225 er lebt von seinem Sohn (wird von seinem Sohn mit ernährt) das ist zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel (das reicht nur notdürftig) ; von der Liebe, Schönheit allein kann man nicht l.; umg. von der Hand in den Mund l.; du kannst doch nicht von der Luft l. (du mußt doch essen)
4. an einem Ort l. an einem Ort wohnen: an der See, auf dem Lande l.; bei, mit jmdm. in einer Wohnung l.; sie l. in Berlin, im Gebirge; er lebt in unserer Nachbarschaft, in der Fremde; wie auf einem fremden Stern (fern der Welt) l. sie leben wie in einer Glaskugel (völlig abgeschlossen) Tucholsky Deutschland 148; /bildl./ auf dem Mond, in den Wolken l. (der Wirklichkeit völlig entfremdet sein) im Licht l. (im Glück sein) sie mußten immer im Schatten l. (in Sorge und Not sein) /übertr./ heimisch sein: in der Wirklichkeit, Vergangenheit l.; sie l. in einer Traumwelt; Beethoven lebte in der Musik;
5. unvergessen bleiben, weiterleben: Sein Werk wird leben Weiskopf 8,271 Homers Ruhm wird ewig l.; der Forscher, Held lebt in unseren Herzen, in seinem Volk; sein Andenken, Gedächtnis lebt in seinen Kindern; diese Tat lebt in aller Munde; sein Geist wird immer unter uns l.;
6. für jmdn., etw. l., geh. jmdm., einer Sache l. für jmdn., etw. dasein, jmdm., einer Sache sein Leben widmen: für seine Kinder, die Gesellschaft, Wissenschaft l.; er lebte für sein Vaterland; seinem Beruf, seiner Gesundheit l.; ein … Häuschen irgendwo im Grünen, wo man ungestört von den Menschen ganz seiner inneren Aufgabe leben kann St. Zweig Balzac 365; der Musiker lebte nur seiner Kunst; dem Augenblick l.;
7. etw. l.
a) eine Zeitspanne hinter sich bringen, verleben: ein schönes, glückliches, trauriges Leben l.; der Wunsch: ein eigenes Leben zu leben Flaischlen Seyfried 212; einen guten Tag (gut) l. er hat noch ein Jahr zu l.; [junge Leute] die noch ohne Angst auf dem Berg ihrer nicht gelebten Jahre stehen Andres Portiuncula 107
b) eine Anschauung, Idee als Richtschnur seines Lebens nehmen, vorleben: seine Gedanken, die Toleranz l.; daß in ihm [im Kloster] allein das Christentum ohne Einschränkung gelebt werden kann R. Schneider Philipp 120

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Zitationshilfe
„leben“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/leben>, abgerufen am 23.09.2020.

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