Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 4. Band, 1974

schauen, Vb.

schauen /Vb./
1. süddt. österr. /im übrigen Sprachgebiet meist geh./ die Augen bewußt auf ein bestimmtes Ziel richten, bewußt in eine bestimmte Richtung sehen, blicken
a) jmd. schaut auf die Uhr, aus dem Fenster, durch das Schlüsselloch, in den Spiegel, hinter den Vorhang, über den Zaun, unter das Bett, zum Himmel; jmd. schaut nach rechts, um sich; jmd. schaut auf jmdn., zu jmdm.; sie schaut nachdenklich in die Flamme der Kerze; verlegen schaut er zu Boden; überall, wohin man schaute, nur Schnee und Eis; sie schaute auf das schlafende Kind; schau, wer da kommt!; schauen Sie, so wird das gemacht!; er stand vor dem Bild, Schaufenster und schaute; jmdn. aus heimlichem, staunendem Schauen herausreißen; /bildl./ der Mond schaut durch die Wolken, ins Zimmer; unsere Fenster s. auf die See, zur Straße; Entsetzen schaute ihr aus den Augen; optimistisch in die Zukunft s.; /übertr./ hinter die Kulissen s. (Dinge sehen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind) salopp jmdm. auf die Finger s. (jmdn. genau beaufsichtigen) umg. jmdm. in die Karten s. (in jmds. Pläne Einblick bekommen) umg. scherzh. jmd. hat zu tief ins Glas geschaut (ist angeheitert, betrunken)
b) nach jmdm., etw. s. auf jmdn., etw. achtgeben, sich um jmdn., etw. kümmern: die Nachbarin schaut nach der Kranken; nach dem Rechten s. (nachsehen, ob alles in Ordnung ist) auf etw. s. auf etw. achten, sich um etw. kümmern: er hatte keine Zeit, auf Ordnung zu s.; sie müßte mehr auf ihren Haushalt s.;
2. landsch. geh. jmdn., etw. mit den Augen wahrnehmen, sehen: Sie verschwand und ich hab' sie nimmermehr g'schaut Nestroy Tod am Hochzeitstage II 10; [sie] lachte immer vor ihm und ließ ihn nur fröhliche Gesichter schauen Federer Regina Lob 98
3. veralt. etw. intuitiv (ganzheitlich oder visionär) erkennen: ein schauender Dichter, Maler; Was in der Philosophie die Dialektik ist, das ist beim Dichter das Schauen, der geöffnete Blick für die Widersprüche, für das Böse im Guten Th. Mann 11,498; d. Unendlichkeit, Zukunft s.; das geistige Schauen;
4. süddt. österr. /im übrigen Sprachgebiet geh./ jmd. schaut freundlich jmd. hat einen freundlichen Ausdruck in den Augen, im Blick: jmd. schaut vergnügt, böse, ärgerlich, frech; Das Fräulein ist langsam aufgestanden und hat kühl geschaut E. Weber Österreich 112; warum schaust du so (wütend)?; da wird er aber s. (staunen)! der hat aber geschaut, als er so viel Geschenke gesehen hat; jmds. Augen s. belustigt, prüfend, streng, kalt, spöttisch, unsicher; /bildl./ der Himmel schaute drohend, finster
5. süddt. österr. umg. sich bemühen, etw. zu erreichen: Soll er schauen, wie er sich selbst durchbringt Becher 4,405 (Abschied) ; schau, wie du damit fertig wirst!; Alles ist gelaufen, die Leut' haben nur geschaut, daß sie weiterkommen Doderer Lederbeutelchen 190; schau, daß du fortkommst!;
6. /abgeblaßt im Imp./ süddt. österr.
a) /als Ausdruck des Beschwichtigens, Zuredens/ schau, Franz, sei vernünftig!; s. Sie, das ist doch gar nicht so schlimm!;
b) /als Ausruf der Verwunderung, Überraschung/ schau, schau!; da schau einer!;
c) /als formelhafter Ausdruck, wenn man jmdm. etw. Schwieriges klarmachen will/ s. Sie, das ist doch folgendermaßen: …; Schau, ich will Dir alles schreiben; schreiben kann ich es wohl Schallück Wenn man aufhören könnte 19

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Zitationshilfe
„schauen“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/schauen>, abgerufen am 27.10.2020.

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