Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 5. Band, 1976

schlagen

schlagen(er schlägt,) schlug, hat geschlagen/ ist geschlagen
vgl. schlagend geschlagen
1. jmdn., ein Tier, meist aus Zorn oder Angst, mit schneller, zielender Bewegung, bes. mit der Hand, treffen, jmdm., einem Tier einen Schlag, Schläge versetzen(hat:) man sollte Kinder nie s.; der Hund war geschlagen worden; jmdn. derb, kräftig, sehr, mit aller Gewalt, zu Boden, salopp windelweich, krumm und lahm, grün und blau, in, zu Klump s.; jmdn. s., daß die Schwarte kracht; man hatte ihn zum Krüppel geschlagen; jmdn., jmdm. (mit der Hand, Faust, mit einem Stock, einer Rute) ins Gesicht, auf die Finger, den Mund, Kopf, über den Rücken s.; er hatte sie, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen; jmdn., nach jmdm. mit der Hand, Faust, mit einem Stock s.; sich /Dat./ auf die Schenkel s.; sich /Dat./ mit der flachen Hand an die Stirn s.; jmdm. etw. aus der Hand, um die Ohren s.; jmdm. ein Loch in den Kopf s.; er schlug ihn, ihm wohlwollend, freundschaftlich auf die Schulter; (mit den Armen) um sich s.; (mit der Faust) auf den Tisch s.; d. Pferd, Kuh, Esel schlägt (stößt, tritt mit den Hufen) der Adler schlägt die Fänge in sein Opfer; Jägerspr. Raubtiere, Raubvögel s. (ergreifen, töten) ihre Beute sich s. sich prügeln: die Kinder schlugen sich um das neue Spielzeug; man schlug sich fast um die Eintrittskarten; darum, um ihn wird man sich noch s.; /bildl./ sich an die Brust s. (etw. bereuen) hist. einen Knappen zum Ritter s. (in den Ritterstand erheben) geh. einen Gegner aufs Haupt s. (völlig besiegen) umg. zwei Fliegen mit einer Klappe s. (einen doppelten Zweck auf einmal, durch ein Mittel erreichen) in die gleiche Kerbe s. (dasselbe Ziel verfolgen)
2. durch schnelle, zielende, auf etw. auftreffende Bewegungen
a) etw. herstellen, verursachen(hat:) das Eiweiß (zu Schnee), die Sahne (zu Schlagsahne) s.; Zitronensaft, Öl und Mayonnaise (zu einer glatten Soße) s.; flüssigen Teig, die Seife (zu Schaum) s.; Huhl hatte … eine Fischmayonnaise geschlagen Andres Liebesschaukel 57; Löcher ins Eis, eine Bresche s.; veralt. Feuer, Licht s.; alles in Stücke, Scherben, umg. kurz und klein s. wollen
b) eine Tätigkeit aus-, durchführen(hat:) etw. irgendwohin s.: einen Nagel in die Wand s. (klopfen, hämmern) einen Aufruf an das Schwarze Brett s. (anschlagen) Schuhe über, auf den Leisten s. (spannen) Rel. Christus ist ans Kreuz geschlagen (gekreuzigt) worden einen Pfahl in die Erde s. (treiben) Kartoffeln, Quark durch ein Sieb s. (durchrühren) ein Ei in die Pfanne s. (die Schale zerbrechen und Dotter und Eiweiß in die Pfanne gleiten lassen) sich /Dat./, jmdm. einen Weg durchs Dickicht s. (bahnen) etw. s.: Holz, Bäume, einen Wald s. (fällen) Brennholz s. (schneiden) die Trommel, auf die Trommel s. (trommeln) die Pauke, auf die Pauke s. (pauken) (auf der Trommel) einen Wirbel s.; veralt. d. Laute, Zither s. (spielen) den Takt s. (durch rhythmisches Klopfen das Zeitmaß eines Musikstücks angeben) Münzen s. (prägen)
3. /abgeblaßt in Sonderbedeutungen/ (hat:) einen Kreis s. (mit dem Zirkel ziehen) Rel. ein Kreuz s. (sich bekreuzigen) (um jmdn.) einen Bogen s. (um jmdn. herumgehen) (über einen Fluß) eine Brücke s. (bauen, errichten) e. Salto, Purzelbaum, Rad s. (mit seinem Körper ausführen, machen) der Pfau schlug ein Rad (richtete die Schwanzfedern auf) Jägerspr. einen Haken s. (plötzlich und scharf, bes. auf der Flucht, die Richtung ändern) umg. Alarm s. (jmdn. alarmieren) Lärm s. (Lärm, viele Worte machen) Krach s. (laut seinen Unwillen äußern) eine Schlacht s. (sich in einer Schlacht dem Gegner stellen) einen Gegenstand in ein Tuch, in Papier s. (einschlagen) das Haar nach innen, ein Bein über das andere, die Arme um jmdn. s. (legen) sich /Dat./ eine Decke um die Beine s. (wickeln) die Hände vors Gesicht s. (rasch das Gesicht mit den Händen bedecken) einen Rat in den Wind s. (ihn nicht befolgen) dicht. jmdn. in Ketten, Fesseln s. (fesseln) geh. jmdm. Wunden s. (zufügen) landsch. jmdm. die Karten s. (aus den Karten die Zukunft voraussagen) umg. sich /Dat./ die Nacht um die Ohren s. (die Nacht nicht schlafen, aufbleiben) sich /Dat./ etw. aus dem Kopf, Sinn s. (von etw. Abstand nehmen, einen Plan aufgeben) umg. scherzh. jmdm. ein Schnippchen s. jmdn. mit Geschick überlisten: der Mutter ein Schnippchen s.; allen Berechnungen hatte sie ein Schnippchen geschlagen; umg. über die Stränge s. (leichtsinnig aus der gewohnten Norm ausbrechen) der Vogel schlägt mit den Flügeln (bewegt sie heftig auf und nieder, ohne davonzufliegen) die Pflanze hat Wurzeln geschlagen (ist fest in der Erde angewachsen) das Meer schlägt hohe Wellen (hat hohen Wellengang) das Schiff wurde von den Wellen leck geschlagen; d. Gardine, Jacke, Rock schlägt (bildet, wirft) Falten
4. etw. schlägt (hat)
a) eine Uhr schlägt das Schlagwerk einer Uhr führt die Stundenschläge aus, gibt laut die Zeit an: die große Standuhr schlug sieben Uhr, sechs(mal), die Stunden; es schlägt halb zwölf, Mitternacht; er hörte eine Stunde nach der anderen s.; die Glocke schlägt dumpf, dröhnend; /bildl./ umg. er weiß, was d. Glocke, Uhr, Stunde geschlagen hat (weiß Bescheid, weiß, wie die Dinge stehen) die Abschiedsstunde schlägt (bricht an) geh. jedem schlägt seine Stunde (jeder kommt einmal an die Reihe; jeder muß einmal sterben) umg. er glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen (er müßte sterben) salopp nun schlägt's aber dreizehn (das ist doch nicht zu glauben; das geht zu weit)!
b) das Herz, der Puls schlägt das Herz zieht sich rhythmisch zusammen und erzeugt dadurch das stoßweise Einfließen des Blutes in die Arterien: das Herz schlug matt, schwach, unruhig, regelmäßig; jmds. Herz schlägt zum Springen, schlägt höher (jmd. ist freudig erregt) schlagende Pulse; /übertr./ jmdm. schlägt das Gewissen (jmds. Gewissen regt sich)
c) e. Wagen, Rad schlägt (ruckt, läuft ungleichmäßig) während der Fahrt Der Wagen stößt und schlägt schrecklich auf den zerfahrenen Landwegen Fallada Wolf 2,388
d) eine Tür schlägt (ins Schloß) (eine Tür wird geräuschvoll zugemacht) eine Tür, das Segel schlägt (bewegt sich im Wind hin und her)
e) die Nachtigall schlägt (läßt ihre Stimme ertönen, ruft) geh. Finken, Wachteln s.; es schlägt im Mai / Kein Vogel ohne Unterlaß Storm 8,194
5. jmdn., sich s. (hat)
a) jmdn. in einem (Wett)kampf besiegen: er schlug im Wettbewerb alle seine Mitbewerber, Partner; wir haben sie 3: 0, mit 3: 0 Toren geschlagen; er hatte sie um einige Meter, um mehrere Längen, nach Punkten geschlagen; geh. jmdn. aus dem Feld s. (verdrängen) jmdn. mit seinen eigenen Worten, Waffen s.; jmd. ist nicht leicht zu s.; sich geschlagen geben, fühlen, für geschlagen erklären; /bildl./ umg. sich wacker s. sich gut behaupten: du hast dich in der Diskussion, beim Wettkampf, durchs Leben wacker, gut, tapfer, trefflich geschlagen;
b) jmdn. in einer Schlacht besiegen: Napoleon war bei Leipzig entscheidend geschlagen worden; der Geschlagene mußte fliehen; den Gegner in die Flucht s. (zum Fliehen zwingen)
c) sich (mit jmdm.) s. wegen eines angeblichen Ehrenhandels einen Zweikampf mit Degen oder Säbel ausfechten /früher bes. in adligen Offizierskreisen, heute nur noch in schlagenden Verbindungen/ er wollte sich s., hat sich mit ihm geschlagen; Ich erwiderte, daß ich mich, wenn er sein Benehmen nicht ändere, mit ihm schlagen werde Lernet-Holenia Graf 35; die Mensur s. (in einer schlagenden Verbindung einen Zweikampf mit Degen oder Säbel ausfechten)
d) geh. jmd. ist mit etw. geschlagen jmd. ist von etw. heimgesucht, betroffen, befallen: jmd. ist mit Blindheit, Taubheit geschlagen (ist blind, taub) mit Aussatz geschlagen sein (Aussatz haben) das Bild des Aussatzes, der Lepra … jener unerbittlichen Krankheit, die den Menschen schlägt Urania 1958; Mit Geschwüren wurde Hiob geschlagen Döblin Alexanderpl. 405; /oft im Part. Prät./ geschlagen ruiniert, vernichtet: er ist ein geschlagener Mann;
6. umg. sich (nach) rechts s. nach rechts gehen, sich nach rechts begeben(hat:) er schlug sich seitwärts, (nach) links, durchs Dickicht, ins Gebüsch; /bildl./ salopp sich seitwärts in die Büsche s. (verschwinden) sich auf jmds. Seite s. auf jmds. Seite treten, jmdm. zustimmen: ich schlug mich auf die Seite der Rebellen, der Fronde Rehfisch Hexen 36; er schlug sich zur anderen Seite;
7. umg. jmdm. schlägt etw. auf ein Organ ein Organ von jmdm. wird durch etw. geschädigt(ist:) der Schreck ist mir auf den Magen geschlagen; die Erkältung ist mir auf die Nieren geschlagen; einer zweiten Schwester schlug es [die Diphtherie] auf die Augen M. Walser Halbzeit 292; etw. schlägt sich auf ein Organ (hat:) die Erkältung hat sich mir auf die Nieren geschlagen; Der allzu viele Wein habe sich aufs Gehirn und in die Knochen geschlagen L. Frank 1,291 (Räuberbande)
8. umg. jmd. schlägt einen Gewinn aus etw. jmd. gewinnt mit Geschick etw. aus etw., schlägt etw. aus etw. heraus(hat:) Geld aus etw. s.; er schlägt aus allem Profit, seinen Nutzen, Vorteil; er weiß, aus allem Kapital zu s. (seinen Vorteil aus allem zu ziehen)
9. umg. etw. schlägt in jmds. Fach jmd. versteht etw. von einer Sache, da sie in sein Arbeitsgebiet gehört(hat:) wegen des Motors mußt du unseren Nachbarn fragen, das schlägt in sein Fach, Gebiet; diese Frage, dieses Problem schlägt in unser Gebiet; Ich bin nicht für so was, das schlägt nicht in meine Branche Fallada Wolf 2,435
10. etw. zu, auf etw. s. etw. zu etw. dazurechnen, -fügen(hat:) die Zinsen zum Kapital, d. Unkosten, Verpackung auf den Preis s.; Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hatten sie [die Gutsherren] dazu benutzt, verlassene Bauernhöfe zu ihrem Gutsbesitz zu schlagen (sich widerrechtlich anzueignen) Natur u. Heimat 1960
11. jmd., etw. schlägt irgendwohin jmd., etw. bewegt sich schnell, heftig irgendwohin
a) jmd., etw. trifft mit Heftigkeit auf, fällt auf, gegen etw.(ist:) zu Boden s.; Da schlug Frau Anna ohnmächtig auf die Erde Weismantel Riemenschneider 178; er ist mit dem Kopf gegen die Wand, auf den Stein geschlagen; der Vogel schlug mit dem Kopf ans Fenster; die Wellen schlugen über das Boot, in das Schiff; (hat/ ist): der Blitz schlug in die Eiche (traf die Eiche, schlug in die Eiche ein) der Regen schlug an das Fenster, durch die offene Tür; das offene Gatter schlug gegen die Mauer; Ein … Brotbeutel hängt ihm direkt vor dem Bauch und schlägt beim Gehen noch gegen das riesige Fernglas M. Walser Eiche 1
b) etw. kommt schnell aus etw. heraus, hervor(hat/ ist): Flammen schlugen (loderten) zum Himmel, aus den Fenstern aus einem Motor war plötzlich eine Stichflamme geschlagen; aus dem Schornstein schlug (quoll) dunkler Rauch die Nässe schlug im Keller in die Wände, ist nach innen geschlagen
c) etw. steigt schnell auf(hat/ ist): Ein scharfer Geruch, wie ein Gemisch von Zoo, Pferdestall … schlägt mir in die Nase Grzimek Zwanzig Tiere 19; eine helle Röte schlug ihr ins Gesicht; daß bei seinem Anblick seiner reuigen kleinen Freundin das Blut ins Gesicht geschlagen war Musil Mann 648; e. Ton, Wort, Geräusch schlägt (dringt) an jmds. Ohr
12. nach jmdm. s. jmdm. ähnlich werden(ist:) die Tochter schlägt nach der Mutter; er ist ganz nach dem Vater, aus der Art geschlagen

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Zitationshilfe
„schlagen“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/schlagen>, abgerufen am 29.09.2020.

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