Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 5. Band, 1976

sehen

sehen(er sieht,) sah, hat gesehen
1. einen optischen Eindruck mit dem Gesichtssinn, den Augen wahrnehmen, erfassen
a) gut, schlecht, scharf, weit s.; er sieht nur noch auf, mit einem Auge; salopp übertrieben als man ihm die Rechnung gab, verging ihm Hören und Sehen (war er unangenehm überrascht) er verprügelte seinen Bruder, daß dem Hören und Sehen verging (er verprügelte ihn sehr)
b) etw., jmdn. erblicken, bemerken, als vorhanden feststellen: den Turm sieht man schon von fern; sie hat schon die ersten Schneeglöckchen im Garten gesehen; er sah ihn auf dem Fußballplatz; ein Nebel, daß man die Hand nicht vor den Augen sieht; vier Augen s. mehr als zwei; Frau T kenne ich nur vom Sehen (kenne ich nicht persönlich) das habe ich doch mit eigenen Augen gesehen; er sah ihn um die Ecke laufen; Seht ihr den Mond dort stehen? – / Er ist nur halb zu sehen, / Und ist doch rund und schön! M. Claudius Abendl.; /bildl./ er hatte das Unglück kommen s. (er hatte es vorausgeahnt) umg. Land (einen Ausweg) s. du siehst ja Gespenster (machst dir unnötige Sorgen) weiße Mäuse s. (betrunken sein) rot s. (wütend sein, werden) /übertr./ etw. zur Kenntnis nehmen: haben schon alle Mitarbeiter den Umlauf, diese neue Veröffentlichung gesehen?;
c) den Blick auf ein bestimmtes Ziel richten, auf etw. hinsehen: sieh doch, ein Maikäfer!; er sieht aus dem Fenster, auf die Ampel, durch das Fernglas, nach der Uhr, zum Himmel /Verweis in Büchern/ siehe Seite … /Abk.: s. S. …/, siehe oben /Abk.: s. o./, siehe unten /Abk.: s. u./, siehe auch /Abk.: s. a./; etw. mit Interesse, Aufmerksamkeit betrachten, sich etw. ansehen: sie s. gerade das Sandmännchen; haben Sie den Film, die Ausstellung schon gesehen? /bildl./ salopp jmdm. auf die Finger s. (jmdn. genau beaufsichtigen) umg. jmdm. durch die Finger s. (jmdm. gegenüber nachsichtig sein) /übertr./ sich s. lassen können gewiß sein, einen guten Eindruck zu machen, vor einer Kritik bestehen können: mit dem Zeugnis kann er sich überall s. lassen; eine Leistung, die sich international s. lassen kann Tageszeitung 1965 das läßt sich s. das ist beachtlich: Denn dann hätten sie einen Skandal in der Familie, der sich sehen ließe Lernet-Holenia Maltravers 108 auf etw. s. auf etw. achten, auf etw. großen Wert legen: sie sieht beim Einkauf auf beste Qualität; er sah bei seinen Kindern auf Pünktlichkeit; Und ich sah nicht drauf / Ob er ein reicher, du ein armer Mann warst! Brecht Rundköpfe 7
d) jmdn. s. sich mit jmdm. treffen: ich sehe ihn nicht mehr vor den Feiertagen; wir s. uns doch nächste Woche?; geh. jmdn. als Gast empfangen: Zum Tee sah ich Gäste Th. Mann 12,287; umg. sich bei jmdm. s. lassen jmdn. besuchen, aufsuchen: ich lasse mich morgen bei dir s.; er hat sich schon lange nicht mehr bei uns s. lassen;
e) sich um etw. kümmern, bemühen, zusehen: wir werden s., was da zu tun ist, ob sich etw. arrangieren läßt; er will s., daß er uns zu Neujahr besucht; sieh, daß du dir das Buch selbst besorgst; nach jmdm., etw. s.; jmdn. betreuen, für jmdn., etw. sorgen: die Schwester sah nach dem Operierten, nach den Wunden, dem Verband; sieh bitte nach den Kindern!; nach dem Rechten s. prüfen, ob alles in Ordnung ist: sie sieht in der Bilbliothek nach dem Rechten; sie sieht nach dem brutzelnden Fleisch, nach dem Feuer im Ofen;
f) jmdn., etw. gern s. jmdn., etw. mögen, gern haben: er sieht es nicht gern, daß du soviel rauchst; er sah es gern, daß die Kinder häufig schwimmen gingen; das wird hier nicht gern gesehen; jmd. ist gern gesehen jmd. ist beliebt, erwünscht: Sie sind uns ein stets gern gesehener Gast;
g) umg. jmdn., etw. nicht mehr s. können jmds., einer Sache überdrüssig sein: er kann ihn, seine Schrift schon nicht mehr s.; Haferschleim konnte sie seitdem nicht mehr s. (mochte sie seitdem gar nicht mehr) das grüne Kleid kann ich nicht mehr s.;
2. jmdm. ähnlich s. jmdm. ähneln: er sieht seinem Bruder (zum Verwechseln) ähnlich; /übertr./ salopp das sieht ihm ähnlich (das paßt zu ihm, ist ihm zuzutrauen) veralt. /heute noch landsch./ aussehen: Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß Schiller Räuber I 1
3. die Fenster s. auf den Hof die Fenster sind auf den Hof gerichtet: das Zimmer sieht auf die Straße;
4. etw. geistig erfassen
a) etw. merken, verstehen, einsehen: siehst du nun, daß ich doch recht hatte?; ich sehe schon, daß ich hier etwas ändern muß; er wird bestimmt s., wie er sein Ziel am schnellsten erreicht; er hatte längst gesehen, wohin der Hase läuft; etw. erkennen: der Autor hat die Zusammenhänge nicht, gut gesehen; er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht; sich getäuscht s. feststellen, daß man sich getäuscht hat: er sah sich in seinen Hoffnungen betrogen, bei den Auszeichnungen übergangen, in seinen Vermutungen bestätigt; er sah sich veranlaßt, die Versuchsreihe zu wiederholen; er sah sich gezwungen, genötigt, diese Arbeit allein zu bewältigen;
b) etw. richtig s. etw. richtig beurteilen: unsere Einzelergebnisse reichen aus, um den Sachverhalt richtig s. zu können; wie s. Sie unsere Chancen bei der Olympiade?; du mußt das objektiv, nüchtern, leidenschaftslos s.; er sieht das falsch, zu negativ; das muß man im Zusammenhang s.; er sieht die Dinge durch eine rosarote, düstere, gefärbte Brille (er ist optimistisch, pessimistisch, voreingenommen)
5. etw., jmdn. erleben, kennenlernen: er hat schlimme Zeiten, schon bessere Tage gesehen; er hat die bescheidenen Anfänge unseres Unternehmens gesehen und uns immer wieder ermutigt; so vergnügt sehe ich ihn zum ersten Mal; den möchte ich s., der das auf Anhieb schafft!; umg. etw. erst nach einer gewissen Zeit feststellen: wir werden ja s., was dabei herauskommt; ich will doch s., ob er jetzt sein Versprechen halten wird;

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Seerecht Siele
Zitationshilfe
„sehen“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/sehen>, abgerufen am 23.09.2020.

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