Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 5. Band, 1976

sein, Poss.pron.

1sein /Poss.pron./
1. /ordnet eine Größe dem Zugehörigkeits- oder Interessenbereich einer besprochenen Person oder Sache maskulinen oder neutralen Geschlechts zu/
a) /vor einem Subst./ wann kommt s. Vater?; im ersten Regal stehen seine Bücher; das Kind hat seinen Ball verloren; er hat die Hälfte seines Gartens verpachtet; einer seiner Schüler, von seinen Schülern wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet; diese, alle seine Gedanken wurden verwertet; seiner Meinung nach, seines Erachtens war der erste Diskussionsbeitrag besonders wichtig; man brachte das gestohlene Fahrrad wieder zu seinem Besitzer zurück; der Schreibtisch hatte an seiner Seitenwand einen Fehler; der Rosenstock hatte alle seine Blüten abgeworfen; umg. /weist auf etw. Gewohnheitsmäßiges hin/ heute hatte s. Zug (der Zug, den er immer benutzte) eine halbe Stunde Verspätung jeden Abend trank er seinen Wermut; er raucht täglich seine fünf Zigaretten; morgen hat er wieder seine Massage; /drückt vor Maßangaben aus, daß der Sprecher die Höhe nur schätzt/ wie zu vermuten ist, kaum weniger als: das Buch kostet seine 25 Mark; er wiegt seine zwei Zentner; der Baum ist seine zwei Meter hoch; alles zu seiner (zur passenden) Zeit /ohne Subst./ das war nicht mein Fehler, sondern seiner; hier ist ihr Foto, aber wo ist seins, geh. seines⌝?; das sind meine Vorschläge, nicht seine; geh. alles, was sein (sein Eigentum) ist, muß gut verwahrt werden weil ich wußte, daß dort ein Lebensabend voller Ehren sein gewesen wäre Th. Mann 11,769
b) /subst./ geh. ihre Zimmer lagen nach Süden, die seinen nach Osten; das ist nicht unser Problem, sondern das seine; er wird das Seine (seinen Teil) dazu beitragen auch er muß das Seine tun; Jakob, du sitzest in gestohlenem Erbe, / und Esau kommt, das Seine (sein Eigentum) sich zu holen Hofmannsth. Großes Welttheater 290 sie wurde die Seine (seine Ehefrau) er versuchte, wieder Kontakt zu den Seinen (seinen Angehörigen) zu bekommen vgl. seinige
2. geh. /Seine in Titeln als Anredewort für eine einzelne hohe Persönlichkeit / Seine (königliche, kaiserliche) Majestät; Seine Exzellenz, Hoheit

WDG, 5. Band, 1976

sein, Pers.pron. im Gen.

2sein /Pers.pron. im Gen./
veralt. s. er

WDG, 5. Band, 1976

sein

3sein(er ist,) war, ist gewesen
1. wirklich existieren: alles, was war, ist und noch s. wird; was er sich vorgenommen hat, wird eines Tages s.; Die Einheit der Welt besteht nicht in ihrem Sein, obwohl ihr Sein eine Voraussetzung ihrer Einheit ist, da sie doch zuerst sein muß, ehe sie eins sein kann Engels Anti-Dühring 51; umg. was nicht ist, kann noch werden; das, diese Freundschaft war einmal (besteht nicht mehr) es war einmal ein Schneiderlein, eine alte Geiß /Eingangsformel des Märchens/; geh. er ist nicht mehr (ist gestorben) ; wenn du nicht wärest, würde uns keiner helfen; Es folgten Erkundigungen über … sämtliche gehabten und seienden (gegenwärtigen) Liebes- und Eheverhältnisse des Antragstellers Weltbühne 1956; Sie ist … eine gewesene (ehemalige) Geliebte Klamms Kafka Schloß 314; [ein Kupferstich] auf dem diese Geschäftsstraße in ihrer gewesenen Gestalt zu sehen war Broch Die Schuldlosen 160; umg. etw. ist etw. gibt es, etw. ist vorhanden: ist irgend etwas (gibt es etw. Besonderes, etw. Beunruhigendes)? hier sind ja Mücken über Mücken!; landsch. Waren sind (nicht) Waren gibt es (nicht); Zigaretten sind nicht heute (gibt es heute keine) Brecht Furcht und Elend 12; es ist kein Grund zur Klage, kein Zweifel mehr;
2. sich irgendwo befinden, aufhalten: zu Hause, umg. auf Arbeit⌝, im Büro s.; wir waren in der Stadt, in Berlin; sie ist im Garten, draußen, auf Dienstreise, zur Kur; er ist bei der Armee, auf Montage; die Familie war lange im Ausland; sie sind auf dem Heimweg, schon unterwegs; im Krankenhaus, an Bord eines Schiffes s.; er war bei mir, ist gerade hier; wenn wir erst wieder daheim wären!; wo ist er?; es war niemand im Zimmer; /übertr./ er ist auf ihrer Seite (vertritt ihren Standpunkt) umg. sich irgendwohin begeben haben: er ist in die Stadt, nach Dresden, zu Bekannten, an die frische Luft, baden, wieder fort, längst über alle Berge; etw. ist irgendwo etw. befindet sich irgendwo, ist irgendwo gelegen: sein Arbeitszimmer ist im ersten Stock; die Fenster sind nach dem Garten (zu) (nach dem Garten gerichtet) etw. befindet sich irgendwo, liegt irgendwo: das Geld ist auf der Bank; die Wäsche ist im Schrank; die Wurst, das Bier ist im Kühlschrank; das Original ist in Weimar;
3. in einem bestimmten Zustand s.
a) sich in einem bestimmten Zustand befinden: krank, müde, hungrig, betrunken, aufgeregt, ruhig, sachlich, schweigsam, lustig s.; er ist jung, ledig, wieder gesund, war hell begeistert, stark beunruhigt; das Kind ist sehr begabt, immer freundlich; sie ist schwanger; er ist der Fahrerflucht schuldig, des Streites müde, seiner Sache sicher; das Wetter war sehr schlecht; die Fische sind ganz frisch; der Schrank ist noch gut erhalten; das Fenster ist weit geöffnet gewesen; die Gaststätte ist heute geschlossen; sie war noch immer fest überzeugt, daß …; wie alt bist du?; ich bin 10 Jahre (alt); umg. du bist wohl nicht recht gescheit (wohl nicht bei Verstand)? sie rannte, so wie sie war (ohne sich erst noch etw. anderes anzuziehen), hinaus er war ihr ehrlich zugetan; umg. bei jmdm. gut aufgehoben s.; mit jmdm. böse s.; er war in sie verliebt; auf jmdn. schlecht zu sprechen s.; guten Mutes, guter Laune, guter Dinge s.; die beiden waren gleichen Alters (gleichaltrig) verhüll. guter Hoffnung (schwanger) s. voller Erwartung, Hoffnung, Spannung s.; des Lobes, Ruhmes voll s.; er war anderer Meinung, Ansicht; geh. das ist nicht meines Amtes; des Glaubens s.; seine Beschäftigung war (von) seltsamer Art; umg. er ist immer so (hat immer diese Art) das kann dir doch gleich s.; das Konzert ist aus; das Fenster ist auf, zu; der Knopf ist ab; meine Schuhsohlen sind durch; das Geschäft ist schon zu; am Leben s.; du bist an der Reihe; auf dem laufenden s. (über den neuesten Stand der Entwicklung Bescheid wissen, das Neueste kennen) ; geh. vor jmdm., etw. auf der Hut s. (sich vor jmdm., etw. in acht nehmen) umg. auf dem Damm (gesund) s. berl. umg. auf dem Kien s. (scharf aufpassen) umg. sie ist den ganzen Tag auf den Beinen (unterwegs, kann sich den ganzen Tag nicht setzen) nicht auf der Höhe, dem Posten (nicht gesund) s. salopp ganz auf dem Hund (in schlechtem Zustand) s. diese Schuhe sind schon lange aus der Mode umg. ganz aus dem Häuschen (aufgeregt, außer sich, lustig) s.; außer Atem s. außer Betrieb, Kurs, Kraft s.; er ist außer Lebensgefahr; außer Fassung s.; salopp schlecht, knapp bei Kasse s. (wenig Geld haben) ; bei der Arbeit, beim Schreiben s.; bei Kräften, guter Laune, vollem Bewußtsein s.; bei der Sache s.; salopp du bist wohl nicht bei Trost (Verstand) umg. hinter jmdm., etw. her s. (sich um jmdn., etw. eifrig bemühen; jmdn., etw. für sich zu gewinnen suchen) ; salopp hinter dem Mond (her) s. (nicht den neuesten Stand kennen) ; im Anzug s. (heranziehen, sich nähern) ; (über etw.) im Bild s. (Bescheid wissen) im Irrtum, Recht, Unrecht s.; mit einer Zahlung im Verzug s.; die Münzen sind nicht mehr im Kurs; jmdm. im Weg s.; in Betrieb, Kurs, Kraft s.; in der Lage s., etw. zu tun; in Gefahr, Not, ärztlicher Behandlung s.; das Kind ist bei jmdm. in Pflege; etw. ist in (der) Mode, in Arbeit; in Stimmung, Wut s.; umg. in Fahrt (Stimmung, Schwung), Form (guter Verfassung) s. in Gang s.; umg. sie ist (immer) mit dem Mund vor(ne)weg (vorlaut) ; salopp mit allen Hunden gehetzt (in allen Schlichen erfahren) s. ; ohne Geld, einen Pfennig (mittellos) s.; er ist unter ärztlicher Aufsicht salopp etw. ist unter allem Hund (sehr schlecht) etw. ist von Bedeutung von Sinnen s.; bei jmdm. zu Gast s. er ist ihm zu Diensten (gefällig, steht ihm zur Verfügung)
b) jmdm. ist (es) schlecht jmd. fühlt sich schlecht: mir ist übel, nicht wohl (zumute), gut, schwindelig, heiß, angst und bange; ihm war schwer ums Herz; ist es dir wieder besser?; umg. ist dir was (fehlt dir etw., bist du krank)? mit ihm ist was!; jmdm. ist nach etw. jmdm. steht der Sinn nach etw., jmd. möchte gern etw. tun: mir ist nach Urlaub, Verreisen, nicht nach Feiern; jmdm. ist, als (ob) jmd. hat das Gefühl, als ob jmd. meint, glaubt: mir ist, als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen; mir ist, als ob ich längst gestorben bin Brahms Feldeinsamkeit
c) /unpers., bezeichnet einen bestimmten Zustand/ es ist schon spät, finster, 24 Uhr, Nacht; es war lange hell; es ist Frühling, Sommer; es ist Ebbe, Flut; es ist besser so; es ist schade, daß du nicht kommen konntest; es ist mir lieb, angenehm, daß wir zeitig nach Hause kommen; ist es (verhält es sich) wirklich so? so war es nicht; es ist nicht so, wie du denkst; es ist an dem (es stimmt) wenn dem so ist, dann …; dem sei, sei dem wie ihm wolle (wie es sich auch immer verhält) wie war es?; war es schön?; das, es war anders; salopp das wäre ja noch schöner (kommt gar nicht in Frage)
4. /gibt eine Klassifizierung an/ er ist Arbeiter, Lehrer, Künstler, ein Handwerker; wir sind Freunde, Nachbarn; er ist Berliner; umg. du bist mir ja einer (ein ganz Besonderer) das Dokument war … echt, war diplomatisch visiert, er war wer (stellte etw. dar, war eine Persönlichkeit) Koeppen Tod 19; umg. scherzh. sie ist ein hoffnungsloser Fall; damals war sie noch ein Kind; salopp abwertend er ist ein Gauner, umg. Dummkopf ; Gold ist ein Edelmetall; die Katze ist ein Haustier; die Ortschaft dort ist Naumburg
5. etw. ist irgendwann, irgendwo etw. findet irgendwann, irgendwo statt: das Konzert ist heute abend, morgen, um 20 Uhr, bei schönem Wetter im Freien, erst am 10. April; gestern war die Premiere; heute ist keine Vorstellung, kein Unterricht; etw. war irgendwann, irgendwo etw. hat sich irgendwann, irgendwo ereignet: es war im Dezember vorigen Jahres, vor drei Jahren; der letzte Ausbruch dieses Vulkans war vor vielen Jahren; der Unfall ist damals im Winter, in Leipzig gewesen; an der Küste war ein großes Unwetter;
6. /s. + Modalverb / geschehen: das darf, soll nicht s.; es hat nicht s. sollen; muß das s.?; was s. muß, muß (eben) s.; es braucht nicht sofort zu s.; es kann, mag schon s. (ist schon möglich), daß du recht hast das kann doch nicht s. (ist doch unmöglich)! /in Wunschformeln/ es sei, möge s.!
7. umg. stammen: er ist aus Dresden, einer kinderreichen Familie, Arbeiterfamilie; der Krug ist aus Ungarn; von wem ist der Brief?; /übertr./ salopp scherzh. etw. ist nicht von schlechten Eltern (etw. läßt nichts zu wünschen übrig)
8. umg. jmdm. gehören: das Haus ist meinen Eltern; wem ist das Buch?; es ist meins; Wenn sie jetzt nicht kommt, dachte Sadovski, wird sie nie mir sein. Wenn sie kommt, wird sie einmal mir sein Seghers 3,170 (Rettung) ; geh. ich bin dein; was mein ist, ist auch dein; veralt. heute geh. /mit Gen./ sie sind des Todes (müssen sterben, sind todgeweiht)
9. /s. + zu + Inf.; drückt einen passivischen Sachverhalt aus/
a) /entspricht einem mit können umschriebenen Passiv / er ist nicht zu ersetzen (kann nicht ersetzt werden) die Hitze ist kaum zu ertragen; der Koffer ist zu verschließen; diese Frage ist leicht zu beantworten; was ist da zu machen, zu tun?
b) /entspricht einem mit müssen umschriebenen Passiv / der Ausweis ist am Eingang vorzuzeigen (muß vorgezeigt werden) was ist dabei zu beachten?
10. /in besonderen Redewendungen/ umg. etw. s. lassen etw. nicht tun, etw. bleiben-, unterlassen: du sollst es s. lassen!; laß es (lieber) s.!; laß gut s. (höre auf, es genügt so) nicht so s. sich großzügig, nachsichtig zeigen: eigentlich solltest du nichts bekommen, aber ich will (mal) nicht so s.; Mensch, sei doch nicht so, gib mir wenigstens deine Kippe Fallada Wolf 1,228; jmd. war es, ist es gewesen jmd. hat es getan: er war es; wer ist es gewesen?; niemand, keiner will es (nachher) gewesen s.; sei's drum es macht nichts, es ist mir egal: nennt mich Eierpinsel … sei's drum M. Walser Halbzeit 626; es ist an jmdn., etw. zu tun jmd. ist dran, jmd. muß etw. tun: es ist an dir, diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen; die Reihe ist jetzt an dir, zu fragen; das wär's jetzt reicht es, jetzt ist alles getan, gesagt: das wär's für heute, mal wieder; so, das wär's, was ich mit dir besprechen wollte;
11. /dient bei intransitiven Verben, die eine Zustands- oder Ortsveränderung bezeichnen und bei den Verben sein, bleiben, werden zur Bildung des Perf. und Plusquamperf. / das Kind ist eingeschlafen; die Blume ist verblüht; wir sind gestern gekommen, den ganzen Tag gewandert; er ist über den See gerudert, nach Moskau geflogen, durch die Gegend geirrt; sie sind im Urlaub an der Ostsee gewesen; /dient zur Bildung des Zustandspassivs) das Fenster war geöffnet; damit wäre mir geholfen gewesen

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Zitationshilfe
„sein“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/sein>, abgerufen am 23.09.2020.

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