Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 5. Band, 1976

um-, verbale Vorsilbe, die entweder trennbar und betont oder untrennbar und unbetont ist

um- /verbale Vorsilbe, die entweder trennbar und betont oder untrennbar und unbetont ist/
1. /bezeichnet die kreis-, bogenförmige Bewegung oder Lage um einen Mittelpunkt, die Richtung um etw. herum; die Verben sind teils trennbar, teils untrennbar/
a) /im Kreise, Bogen um etw. herum; nur untrennbar/ umfa̱hren, umfli̱e̱ßen, umkre̱i̱sen, umrụnden, umschịffen; umbịnden, umschnü̱ren (Paket), umwịckeln
b) /im Bogen um ein Hindernis herum; nur untrennbar/ umge̱hen (Sumpf), umla̱u̱fen, umse̱geln (Klippe)
c) /sich um etw., jmdn. herum bewegen, etw., jmdn. von allen Seiten umgeben; teils trennbar, teils untrennbar/
α) /nur untrennbar/ umdrạ̈ngen, umkạ̈mpfen, umla̱gern, umrịngen, umzịngeln; umbrạnden, umschwë̱ben, umspï̱ë̱len, umwë̱hen, umwö̱gen, sich umwọlken
β) /von Geräuschen; nur untrennbar/ umbra̱u̱sen, umju̱beln, umra̱u̱schen, umto̱ben
γ) /jmdn., etw. mit den Armen, Händen umschließen; nur untrennbar/ umạrmen, umfạngen, umfạssen, umhạlsen, umklạmmern
δ) /(jmdm., sich) ein Bekleidungsstück umhängen; nur trennbar/ ụmbinden (Schal), ụmhängen, ụmnehmen (Mantel), ụmschlagen (Tuch)
d) /von allen Seiten, rings um etw. herum (sein); nur untrennbar/
α) /etw. (mit etw.) einfassen, umschließen/ umgrẹnzen, ummä̱ü̱ern, umrä̱hmen, umrạnden, umsä̱ü̱men, umzä̱u̱nen
β) /hat zusätzlich ornative Bedeutung/ umflẹchten, umglạ̈nzen, umgọlden, umkrạ̈nzen
γ) /jmdn., etw. mit Fürsorge umgeben/ umhe̱gen, umsọrgen
e) /nach allen Seiten, ringsumher sehen; nur untrennbar/ sich ụmblicken, ụmgucken, ụmschauen, ụmsehen
2. /bezeichnet die Wendung in eine andere, meist entgegengesetzte Richtung oder Lage, die (teilweise) Drehung des Subjekts oder Objekts um sich selbst; die Verben sind nur trennbar/
a) /etw. in eine andere (entgegengesetzte) Richtung, auf die andere Seite wenden/ ụmbiegen (Draht), ụmdrehen (Schalter), ụmklappen (Rückenlehne), ụmknicken (Ast), ụmlegen (Leiter), ụmlenken (Wagen), ụmschlagen (Mantelkragen)
b) /eine andere, meist entgegengesetzte Richtung einschlagen/ ụmbiegen, ụmkehren, ụmschlagen (Wind), ụmschwenken;
c) /etw. auf die andere (entgegengesetzte) Seite wenden/ ụmblättern, ụmdrehen (Münze), ụmkehren (Stuhl), ụmschlagen (Seiten eines Buches), ụmwenden
d) /eine halbe Wendung (um 180 Grad) machen/ sich ụmdrehen, ụmwenden; zurück-: sich ụmblicken, ụmgucken, ụmschauen, ụmsehen;
e) /das Unterste zuoberst kehren/
α) ụmackern, ụmbrechen, ụmgraben, ụmpflügen
β) /etw. von innen nach außen wenden/ ụmdrehen (Strumpf), ụmkrempeln, ụmwenden /und dabei durcheinanderbringen/ ụmkehren (Schublade), ụmrühren (Teig), ụmwühlen (Erde)
3. /bezeichnet die Wendung von der Vertikalen in die Horizontale; drückt die (gewaltsame) Beförderung zu Boden (und Zerstörung oder Gefährdung) aus; die Verben sind nur trennbar/
a) /zu Boden fallen/ ụmbrechen (Zaun), ụmfallen, ụmfliegen (Sonnenschirm), ụmkippen (Leiter), ụmstürzen;
b) /ohnmächtig werden/ ụmfallen, ụmklappen, ụmsacken, ụmsinken;
c) /etw., jmdn. gewaltsam zu Boden befördern/ ụmfahren, ụmhauen (Baum), ụmrennen, ụmschlagen, ụmstoßen, ụmwerfen;
d) /durch etw. aus der Fassung gebracht, erschüttert werden/ (d. Nachricht, Ereignis hat ihn) ụmgehauen, ụmgeschmissen, ụmgeworfen;
4. /bezeichnet einen Ortswechsel; die Verben sind nur trennbar/
a) /etw. von einem Gefäß, Behältnis in ein anderes bringen/ ụmfüllen, ụmgießen (Milch), ụmladen (Güter);
b) /sich von einem Ort, einer Stelle an einen anderen Ort, an eine andere Stelle bewegen/ ụmsiedeln (in ein anderes Land), ụmsteigen (von einem Zug in einen anderen), ụmziehen (in eine andere Wohnung);
c) /etw., jmdn. an einen anderen Ort, eine andere Stelle befördern/
α) ụmbetten (Kranken), ụmlagern (Lebensmittel), ụmlegen, ụmpflanzen (Bäumchen), ụmquartieren, ụmstellen (Bücher)
β) /die Anordnung, Gruppierung von etw. ändern/ ụmpacken (Rucksack), ụmräumen (Zimmer), ụmschichten (Holz)
5. /bezeichnet eine Veränderung, den Wechsel in einen anderen (neuen) Zustand; die Verben sind nur trennbar/
a) ụmbauen (Haus), ụmdecken (Dach), ụmfärben, ụmkleiden, ụmsetzen (Ofen), ụmziehen
b) /etw. nochmals ausführen und dabei (grundlegend) ändern, umgestalten/
α) ụmändern, ụmformen, ụmschreiben (Artikel), ụmwandeln
β) /etw. anders einrichten, organisieren/ ụmfunktionieren, ụmgruppieren, ụmstrukturieren
c) /sich auf Grund einer veränderten Situation umstellen, etw. anders, neu lernen/ ụmdenken, ụmlernen, ụmsatteln, ụmschulen (Arbeiter), sich ụmstellen;
d) /etw. anders, neu darstellen, bewerten/ ụmdeuten, ụmfälschen, ụmformulieren, ụmwerten;
e) /etw. gegen etw. Gleichwertiges, anderes tauschen, einwechseln/ ụmsetzen (Waren), ụmtauschen (Geld), ụmwechseln;
/nach diesen 5 Typen werden Verben in reichem Maße gebildet, bes. nach 1 a. c. d. 2 a. b. 3 c. 4 c. 5 b; auch Substantive und Adjektive folgen diesen Typen/ Umbau, Umdrehung, Umkreis, Umsturz; umfassend, umliegend, umschichtig
Zitationshilfe
„um-“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/um->, abgerufen am 18.01.2021.

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