widerwärtig

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennungwi-der-wär-tig
Wortbildung mit ›widerwärtig‹ als Erstglied: ↗Widerwärtigkeit
eWDG, 1977

Bedeutungen

1.
höchst unangenehm auf das Empfinden wirkend
a)
das ästhetische Empfinden verletzend
Beispiel:
widerwärtige Farbzusammensetzungen, Töne, Geräusche
b)
höchst unsympathisch, (moralisch) verabscheuenswürdig
Beispiele:
ein widerwärtiges Grinsen, widerwärtiger Zynismus
eine widerwärtige Neugier
Schlägereien sind (mir) widerwärtig
Selbstsucht ist wohl eine der widerwärtigsten Erscheinungen
du bist mir in all der Zeit nicht widerwärtig geworden
Meine Tante ist ein widerwärtiges Ekel [NollHolt2,152]
c)
kaum ertragbar
Beispiele:
er befand sich in einer widerwärtigen Lage, war in etw. Widerwärtiges geraten, verwickelt
der Gedanke war ihm widerwärtig
2.
höchst unangenehm auf die Sinnesorgane wirkend, ekelerregend
Beispiele:
Ratten gehören zu den als widerwärtig wahrgenommenen Tieren
diese Arznei, süßer Wein ist ihm widerwärtig
Wenn der Wind zu uns herüberweht, bringt er den Blutdunst mit, der schwer und widerwärtig süßlich ist [RemarqueIm Westen129]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

wider · wieder · zuwider · widerlich · widern · erwidern · widrig · Widerhall · widerlegen · widerrufen · widerspenstig · widersprechen · Widerspruch · widerstehen · Widerstand · widerwärtig · Widerwille · widerwillig
wider Präp. ‘gegen, entgegen’. wieder Adv. ‘zurück, abermals, erneut’, mit konjunktionalem Charakter ‘umgekehrt, hingegen, anderer-, seiner-, ihrerseits’ Die seit dem 17./18. Jh. durch gelehrte Regelung orthographisch geschiedenen Wörter haben eine gemeinsame Herkunft. Ahd. widar Präp. ‘(ent)gegen, wider’ (8. Jh.), widar(i) Adv. ‘entgegen, zuwider, zurück, wiederum, abermals’ (um 800), mhd. wider (md. auch widder, weder) Präp. ‘gegen, wider’, wider(e) Adv. ‘(ent)gegen, zuwider, zurück, abermals’, asächs. wiðar Präp. ‘gegen, wider’, Adv. ‘zurück’, mnd. wed(d)er Präp. ‘gegen, wider’, wedder Adv. ‘zurück, abermals, wiederum, entgegen’, mnl. nl. weder, weer Präp. ‘wider, gegen’, Adv. (mnl. auch wēdere) ‘zurück, wieder, gegen’, afries. wither, aengl. wiþer Präp. Adv. ‘gegen’, anord. viðr Präp. ‘bei, gegen, wider’, got. wiþra Präp. ‘gegen, gegenüber’ (germ. *wiþra-) sind wie aind. vitarám ‘weiter, ferner’, awest. vītarəm ‘seitwärts’, vītara- ‘der seitlichere’ Bildungen mit dem Suffix ie. -tero-, setzen also ie. *u̯itero- voraus. Dessen Grundlage ie. *u̯ī̌- ‘auseinander’ findet sich in aind. ‘auseinander, abgetrennt, weg, fort’, awest. vī-, vi-, vy- ‘auseinander, abseits, entgegen’ und in den Weiterbildungen lit. vìsas ‘alle’, aslaw. vьsь, russ. ves’ (весь) ‘all, ganz’ (d. i. ‘nach allen Seiten auseinandergegangen’), lat. vitium (aus *u̯itiom) ‘Fehler, Gebrechen’. Neben den oben angeführten, germ. *wiþra- entsprechenden Bildungen stehen in einigen germ. Sprachen Kurzformen wie asächs. wið Präp., aengl. wiþ Präp., anord. við Präp., die sich in den modernen Sprachen durchgesetzt haben, vgl. engl. with Präp. ‘mit’, schwed. vid Präp. ‘bei, an, neben, auf’, zeitlich ‘gegen’, Adv. ‘etwa, ungefähr’. Die Bedeutungsentwicklung geht aus von räumlich verstandenem ‘auseinander, (ent)gegen’. Die Präposition steht daher für ‘gegen’ (räumlich, dann besonders im Sinne des feindlichen Entgegenwirkens, des Widerstandes) und für ‘im Gegensatz, im Widerspruch zu’; das Adverb steht für ‘zurück’ (d. h. ‘der eingeschlagenen Richtung entgegen’), woraus im zeitlichen Sinne ‘abermals, wiederum’. Alle Verwendungsweisen sind bereits im Ahd. entwickelt. In der Art einer adversativen Konjunktion ‘umgekehrt, hingegen, andrerseits’ (bereits bei Notker) wird wi(e)der besonders in neuerer Zeit gebräuchlich (er war freundlich, dann wieder unausstehlich). Adverbieller Gebrauch im Sinne von ‘(ent)gegen’ (der Wind war jnen wider, Luther) ist erhalten in der Erweiterung zuwider Adv. Präp. ‘entgegengesetzt, feindlich, widerwärtig’ (16. Jh.) und in zahlreichen Verbalkomposita (s. unten). widerlich Adj. ‘ungünstig, schlecht, unangenehm, abstoßend’ (17. Jh.), älter ‘gegnerisch, feindlich’ (16. Jh.). widern Vb. ‘zuwider, unangenehm sein, anwidern’ (17. Jh.), älter ‘zuwider-, entgegenhandeln, ablehnen, unterbinden, sich weigern, widerstreben’, ahd. widarōn, widaren ‘zurückweisen, ablehnen, zu verhindern suchen, sich weigern’ (8. Jh.), mhd. wider(e)n ‘zuwider machen, verleiden, sich widersetzen, rückgängig machen, zurückweisen, verschmähen, vergelten’. erwidern Vb. ‘entgegnen, antworten, reagieren’, mhd. erwideren ‘entgegnen, antworten, ersetzen’, ahd. irwidarōn ‘zurückweisen, verwerfen, mißbilligen’ (9. Jh.). widrig Adj. ‘ungünstig, unangenehm, Widerwillen erregend’, spätmhd. widerig. Widerhall m. ‘reflektierter Schall, Echo’, spätmhd. widerhal. widerlegen Vb. ‘nachweisen, daß etw. nicht zutrifft, etw. als falsch erweisen’ (16. Jh.), mhd. widerlegen ‘erstatten, ersetzen, wiedergutmachen, vergelten, umbiegen, umlegen, Widerstand leisten’. widerrufen Vb. ‘eine Aussage zurücknehmen’, mhd. widerruofen, -rüefen ‘ab-, zurückrufen, zurücknehmen, absetzen, widerlegen’. widerspenstig Adj. ‘widersetzlich störrisch’ (Ende 15. Jh.), nach voraufgehendem mhd. widerspene, widerspān, -spæne; vgl. mhd. span und widerspān ‘Streitigkeit, Zerwürfnis’, eigentlich ‘(gegenseitige) Spannung’, zu der unter ↗spannen (s. d.) dargestellten Wortgruppe. widersprechen Vb. ‘das Gegenteil vertreten, sich gegen etw. äußern’, ahd. widarsprehhan (10. Jh.), mhd. widersprechen ‘sich mit Worten gegen etw. wenden’; seit dem 17. Jh. auch ‘im Gegensatz stehen, nicht übereinstimmen, sich entgegenstehen’. Widerspruch m. ‘Einwand, Protest, (logische) Unvereinbarkeit’ (15. Jh.). widerstehen Vb. ‘Widerstand leisten, einer Neigung nicht nachgeben, zuwider, unangenehm sein’, ahd. widarstān, -stēn (8. Jh.), -stantan (9. Jh.), mhd. widerstān, -stēn. Widerstand m. ‘Gegenwehr, Weigerung, Behinderung’, mhd. widerstant; im Plural ‘Hemmungen, Hindernisse’ (18. Jh.); Widerstand leisten (18. Jh.), passiver Widerstand (Mitte 19. Jh.), nach engl. passive resistance. widerwärtig Adj. ‘abstoßend, unangenehm, ungünstig’, ahd. widarwertīg, -wartīg ‘feindlich, feindselig, entgegengesetzt, ungünstig’ (um 900), mhd. widerwertic, -wartic ‘entgegenstrebend, -gesetzt, widersetzlich, feindlich, unangenehm, zuwider’; zur Herkunft des Grundworts s. ↗-wärts. Widerwille m. ‘Widerstreben, Abneigung’, mhd. widerwille ‘Zwist, Auflehnung, Unannehmlichkeit, Ungemach’. widerwillig Adj. ‘ungern, widerstrebend’, frühnhd. auch ‘sich auflehnend, feindlich entzweit’ (15. Jh.); vgl. mhd. widerwillicheit.

Thesaurus

Synonymgruppe
abstoßend · ↗unausstehlich · ↗unerträglich · ↗unsympathisch · widerwärtig  ●  ↗eklig  ugs. · ↗ätzend  ugs.
Synonymgruppe
Brechreiz auslösend · ↗Ekel erregend · ↗abscheulich · ↗abstoßend · ↗ekelerregend · ↗ekelhaft · ↗ekelig · ↗eklig · ↗unangenehm · widerwärtig  ●  ↗unappetitlich  auch figurativ · ↗ungustiös  österr. · ↗widerlich  Hauptform · ↗degoutant  geh.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Anblick Antisemitismus Attacke Erscheinung Geruch Geräusch Kampagne Kerl Machenschaft Schauspiel Treiben Verbrechen abscheulich abstoßend besonders brutal bösartig dumm ekelhaft gemein geradezu geschmacklos grausam höchst mies peinlich schrecklich unangenehm ziemlich zynisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›widerwärtig‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Nun, da wir wissen, wie es ausgegangen ist, verspüre ich nicht den geringsten Triumph, Recht gehabt zu haben, das wäre auch widerwärtig.
Die Zeit, 07.10.2004, Nr. 42
Das darf man als städtischer Beamter gerne widerwärtig finden, verbieten darf man es nicht, solange die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet ist.
Süddeutsche Zeitung, 26.11.1994
Es stinkt mir in die Nase: es ist mir äußerst unangenehm und widerwärtig, ich tue etwas nur höchst ungern.
Röhrich, Lutz: stinken. In: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten [Elektronische Ressource], Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1994], S. 21105
Es war mir widerwärtig, wühlte vieles auf, aber ich mußte wohl hin.
Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1928. In: ders., Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2000 [1928], S. 279
Es wäre scheußlich, der Sohn des widerwärtigen Geyer zu sein.
Feuchtwanger, Lion: Erfolg. In: ders., Gesammelte Werke in Einzelbänden, Bd. 6, Berlin: Aufbau-Verl. 1993 [1930], S. 909
Zitationshilfe
„widerwärtig“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/widerwärtig>, abgerufen am 19.03.2019.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
widerstreiten
Widerstreit
widerstreben
widerstrahlen
widerstehen
Widerwärtigkeit
Widerwille
Widerwillen
widerwillig
Widerwilligkeit