zerreißen

Grammatik Verb · zerreißt, zerriss, hat/ist zerrissen
Aussprache 
Worttrennung zer-rei-ßen
Wortzerlegung zer-reißen1
Wortbildung  mit ›zerreißen‹ als Erstglied: ↗Zerreißfestigkeit · ↗zerreißbar · ↗zerreißfest
 ·  mit ›zerreißen‹ als Binnenglied: ↗herzzerreißend  ·  mit ›zerreißen‹ als Grundform: ↗Zerrissenheit
eWDG, 1977

Bedeutungen

1.
etw., ein Tier, jmdn. (gewaltsam) in Stücke reißen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
ein Blatt Papier, ein Foto, einen Brief, ein Netz zerreißen
der Tiger, Wolf zerriss das erjagte Tier
etw. mit den Krallen, Zähnen zerreißen
er wurde von einer Bombe zerrissen
ein Band, einen Faden, eine Kette, Fessel zerreißen (= auseinanderreißen)
der Sturm zerriss die Wolkendecke
ein Loch, Löcher in etw., besonders in ein Kleidungsstück, reißen
Beispiele:
sie blieb an einem Dorn hängen und zerriss sich [Dativ] ihren, den Strumpf
der Hund zerriss ihm die Hose
zerrissene Strümpfe stopfen
bildlich
Beispiele:
gehobenein Schrei zerriss die Stille (= unterbrach jäh die Stille)
gehobenein Blitz zerriss die Finsternis (= erleuchtete sie schlagartig)
gehobendieser Anblick, dieses Elend zerriss ihm das Herz (= erschütterte ihn tief)
er ist (innerlich) zerrissen (= uneins mit sich selbst)
umgangssprachlichich könnte ihn zerreißen (= bin sehr wütend auf ihn)
umgangssprachlicher hätte sich (vor Wut) zerreißen wollen, können
umgangssprachlichich kann mich doch nicht zerreißen (= kann doch nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun)
umgangssprachlichsich für jmdn. zerreißen (= sich für jmdn. bis zum letzten einsetzen)
saloppsich [Dativ] den Mund über etw., jmdn. zerreißen (= über etw., jmdn. klatschen, schlecht über etw., jmdn. sprechen)
2.
auseinanderreißen, entzweigehen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
der Bindfaden, das Papier zerreißt
zerrissene Schuhe
der Nebel zerreißt (= teilt sich, löst sich auf)
bildlich
Beispiele:
die Bindungen zwischen den Geschwistern zerrissen damals
gehobendie Bande zwischen den Geschwistern zerrissen damals
zerrissene Fäden (= Verbindungen) wieder anknüpfen
seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt

Mehrwortausdrücke

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

reißen · Reißbrett · Reißzeug · Reißen · abreißen · Abriß · anreißen · aufreißen · Aufriß · ausreißen · einreißen · verreißen · zerreißen · Reißer
reißen Vb. ‘entzwei-, auseinandergehen, gewaltsam (in einzelne Teile) auseinandertrennen, an etw. ziehen, zerren, sich teilen, trennen, lösen, (von Raubtieren) ein Beutetier töten’, reflexiv ‘sich ritzen, sich verletzen’, ahd. rīʒan ‘einritzen, schreiben’ (9. Jh.), mhd. rīʒen ‘reißen, zerreißen, einritzen, schreiben, zeichnen’, asächs. wrītan ‘zerreißen, verwunden, einritzen, schreiben’, mnd. wrīten ‘reißen, schreiben, zeichnen’, mnl. rīten, nl. rijten, aengl. wrītan ‘einritzen, reißen, schreiben, zeichnen’, engl. to write ‘schreiben’, anord. rīta ‘einritzen, schreiben’. Sichere außergerm. Beziehungen finden sich nicht. Man versucht, im Hinblick auf griech. rhīnós (ῥινός) ‘Haut von Mensch und Tier, besonders Rindshaut, der aus Rindshaut hergestellte Schild’, rhī́nē (ῥίνη, aus *u̯rīnā) ‘Feile, Raspel’ die germ. Formen an eine Dentalableitung zu ie. *u̯rei-, *u̯rī-, Erweiterung der Wurzel ie. *u̯er- ‘aufreißen, ritzen’, anzuschließen; s. auch ↗reizen, ↗Riß, ↗ritzen. reißen bedeutet ursprünglich ‘ritzen’, speziell ‘(Runen)zeichen auf Buchenstäbchen einritzen’, dann ‘schreiben, zeichnen’ und (an ‘ritzen, einschneiden’ anschließend) ‘gewaltsam trennen’. Reißbrett n. ‘Brett als Unterlage zum Anfertigen technischer und geometrischer Zeichnungen’, Reißzeug n. ‘Geräte zum technischen Zeichnen’ (Reißfeder, -schiene, -zirkel u. a.) schließen als Bildungen des 17. Jhs. an reißen ‘zeichnen’ an. Reißen n. ‘Gliederschmerzen, Rheumatismus’ (18. Jh.). abreißen Vb. ‘losreißen, gewaltsam abtrennen, abgehen, sich lösen, niederreißen, abbrechen, abnutzen’, früher auch ‘ein Bild im Umriß entwerfen’, mhd. aberīʒen ‘herabreißen, entreißen, rauben’; Abriß m. ‘das Niederreißen, Abbruch, Zeichnung, Entwurf, gedrängte Darstellung, Überblick’ (16. Jh.). anreißen Vb. ‘ein kleines Stück einreißen, einen kleinen Riß anbringen, zu verbrauchen beginnen’, in der Technik ‘Linien, Formen von Werkstücken vorzeichnen’, umgangssprachlich ‘durch marktschreierische Methoden Käufer anlocken’ (15. Jh.). aufreißen Vb. ‘gewaltsam öffnen, auseinanderreißen, sich öffnen, aufplatzen’, mhd. ufrīʒen; in der Technik ‘einen Aufriß zeichnen’; Aufriß m. ‘Zeichnung eines senkrechten Schnittes oder der Außenseite eines Gegenstandes, gedrängter Überblick, kurze Darstellung’ (17. Jh.). ausreißen Vb. ‘herausreißen, herausziehen, durch Reißen entfernen, durch Reißen kaputtgehen, sich lösen, die Flucht ergreifen, davonlaufen’, ahd. ūʒrīʒan (Hs. 12. Jh.), mhd. ūʒrīʒen; vgl. Reißaus nehmen ‘davonlaufen, fliehen’ (Ende 16. Jh.), aus dem Imperativ reiß aus! einreißen Vb. ‘einen Riß bekommen, einen Riß verursachen, abbrechen, zerstören, zur Gewohnheit werden’, frühnhd. ‘überhandnehmen’ (15. Jh.). verreißen Vb. ‘vernichtend kritisieren’, zuvor ‘durch vieles Tragen zerreißen (von Kleidern), in Stücke reißen, vernichten’, mhd. verrīʒen ‘zerreißen’. zerreißen Vb. ‘(gewaltsam) trennen, in Stücke reißen, auseinanderreißen, (durch Abnutzung) entzweigehen, ein Loch in ein Kleidungsstück reißen’, mhd. zerrīʒen ‘zerreißen, zerfetzen, zerfleischen’. Reißer m. ‘wer reißt, zerreißt, Gerät zum Zerreißen von Textilien’ (17. Jh.), ‘wer Käufer in den Laden lockt’ (gleichsam an sich reißt, s. oben anreißen), dann auch ‘Artikel, der sich gut verkauft’ sowie ‘spannungsvolles, auf Publikumswirksamkeit berechnetes Bühnenstück, Buch, Filmwerk’ (2. Hälfte 19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
zerfetzen · ↗zerfleddern · zerreißen  ●  ↗verhackstücken  ugs.
Synonymgruppe
aufreißen · reißen · zerreißen · ↗zerren

Typische Verbindungen zu ›zerreißen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›zerreißen‹.

Verwendungsbeispiele für ›zerreißen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Ich weiß gar nicht, wie man das beschreiben soll, es zerreißt einem das Herz ", sagte er.
Der Tagesspiegel, 02.06.2001
Was ich in der Nacht, wenn alle schliefen, gestopft hatte, fand ich am nächsten Abend zerrissen.
Süddeutsche Zeitung, 30.12.1995
Durch die Entwicklung der Dinge aber war die Gemeinschaft zerrissen.
Werfel, Franz: Die Vierzig Tage des Musa Dagh II, Stockholm: Bermann - Fischer 1947 [1933], S. 110
Er zerriß sie in Stücke, denn er war voll Zorn.
Salten, Felix: Bambi, Frankfurt a. M.: Fischer 1956 [1923], S. 148
Nachdem sie ein Blatt beschrieben hatte, zerriß sie es wieder.
Duncker, Dora: Jugend. In: Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1905], S. 9509
Zitationshilfe
„zerreißen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/zerrei%C3%9Fen>, abgerufen am 02.12.2020.

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