Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

zwingen

Grammatik Verb · zwingt, zwang, hat gezwungen
Aussprache 
Worttrennung zwin-gen
Wortbildung  mit ›zwingen‹ als Erstglied: Zwingburg · Zwinger · Zwingherr · zwingend
 ·  mit ›zwingen‹ als Letztglied: abzwingen · aufzwingen · bezwingen · erzwingen · hineinzwingen · hinunterzwingen · niederzwingen
 ·  mit ›zwingen‹ als Grundform: gezwungen

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. ⟨jmdn., sich, etw. zu etw. zwingen⟩ jmdn., sich, etw. mit Gewalt zu etw. veranlassen
    1. ⟨etw. zwingt jmdn. zu etw.⟩ etw. veranlasst jmdn. mit Gewalt zu etw.
    2. ⟨jmdn. irgendwohin zwingen⟩ mit Gewalt veranlassen, dass sich jmd. an eine bestimmte Stelle, an einen bestimmten Ort begibt
    3. ⟨sich zu etw. gezwungen sehen⟩ sich durch Gewalt zu etw. veranlasst sehen, etw. machen müssen
    4. ⟨zu etw. gezwungen sein⟩ durch Gewalt zu etw. veranlasst sein, etw. müssen
    5. ⟨zwingend⟩ überzeugend, einleuchtend
  2. 2. ⟨gezwungen⟩ unnatürlich, gekünstelt
  3. 3. [umgangssprachlich] etw. schaffen, bewältigen
eWDG

Bedeutungen

1.
jmdn., sich, etw. zu etw. zwingenjmdn., sich, etw. mit Gewalt zu etw. veranlassen
Beispiele:
jmdn. zum Sprechen, zu einem Geständnis zwingen
die Arbeiter haben die bürgerliche Regierung zum Rücktritt gezwungen
die gegnerischen Truppen zum Rückzug zwingen
es hat dich kein Mensch gezwungen, dorthin zu gehen
dazu kann man niemanden zwingen
ich lasse mich nicht zwingen!
man muss ihn zu seinem Glück zwingen (= man muss ihn ermuntern, dass er etwas tut, was günstig für ihn ist)
sich zur Ruhe, Besonnenheit zwingen
sie zwang sich zu lächeln
ich musste mich zum Schreiben zwingen
[er] mußte sich selbst zu einer Härte zwingen, die schmerzvoll war [ ApitzNackt100]
Ich kann meine Füße noch nicht zum Gehorsam zwingen [ DauthendeyAcht Gesichter21]
etw. zwingt jmdn. zu etw.etw. veranlasst jmdn. mit Gewalt zu etw.
Beispiele:
Not, Hunger zwang ihn dazu
das Wetter zwang uns zur Umkehr
die Umstände zwangen sie zu diesem Schritt
die Krankheit zwang sie, lange Zeit auszusetzen
diese Tatsache zwingt mich zu der Annahme, Vermutung, dass …
jmdn. irgendwohin zwingenmit Gewalt veranlassen, dass sich jmd. an eine bestimmte Stelle, an einen bestimmten Ort begibt
Beispiele:
Er zwingt sie in den Sessel [ BöllZug96]
es ist mir gelungen, die Preußen an den Verhandlungstisch zu zwingen [ MoloEin Deutscher416]
Adolf Buchholz … als alter Kommunist ins Zuchthaus und dann in die Emigration gezwungen [ BronnenDeutschland144]
bildlich
Beispiel:
gehobenjmdn. auf, in die Knie zwingen (= jmdn. unterwerfen)
übertragen
Beispiel:
in solche Verhältnisse wollt Ihr Eure Frau zwingen? [ TralowKepler127]
sich zu etw. gezwungen sehensich durch Gewalt zu etw. veranlasst sehen, etw. machen müssen
Beispiele:
die Polizei sah sich zu schärferen Maßnahmen gezwungen
er sah sich zu Konzessionen gezwungen
zu etw. gezwungen seindurch Gewalt zu etw. veranlasst sein, etw. müssen
Beispiele:
wir waren zur Untätigkeit gezwungen
ich war gezwungen, sie einzuladen
zwingendüberzeugend, einleuchtend
Grammatik: im Partizip I
Beispiele:
ohne zwingenden Grund blieb er dem Unterricht fern
dazu besteht keine zwingende Notwendigkeit
Er deckte mit zwingender Logik die Gesetze auf, die die Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Ausbeuterordnung bestimmen [ Gesch. d. dt. Arbeiterbewegung2,86]
sein logischer Schluß [ist] nicht zwingend [ KlausKybernetik85]
2.
gezwungenunnatürlich, gekünstelt
Grammatik: nur im Partizip II
Beispiele:
ein gezwungenes Lachen
gezwungene Heiterkeit
eine gezwungene Unterhaltung
das Beisammensein [verlief] zwar noch etwas gezwungen, doch ohne Zwischenfall [ NablOrtliebsche Frauen312]
3.
umgangssprachlich etw. schaffen, bewältigen
Beispiele:
er zwang die Arbeit ganz allein
so schlimm ist das nicht mit dem Lernen, das lässt sich noch zwingen
wir konnten das Essen beim besten Willen nicht zwingen (= aufessen)
Dieses Wort ist Teil des Wortschatzes für das Goethe-Zertifikat B1.
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

zwingen · zwingend · bezwingen · Zwinger · Zwang · zwängen · zwangsläufig
zwingen Vb. ‘gewaltsam zu etw. nötigen, zu etw. veranlassen, mit etw. fertig werden, etw. meistern’. Das stark flektierende Verb ahd. thwingan (8. Jh.), twingan (9. Jh.) ‘zwingen, unterjochen, beherrschen, festbinden’, mhd. twingen, dwingen, auch quingen, (seit 14. Jh.) zwingen ‘(zusammen)drücken, pressen, (be)drängen, nötigen, einschließen, beherrschen, bändigen’, asächs. thwingan ‘zwingen, bedrängen’, mnd. dwingen, mnl. dwinghen, nl. dwingen, afries. thwinga, aschwed. (auch schwach) þvinga, schwed. tvinga (germ. *þwingan) und schwach flektierendes anord. (aus dem Mnd.?) þvinga ‘zwingen, quälen’ lassen sich lediglich mit awest. θwązǰaiti ‘gerät in Bedrängnis’ vergleichen. Daraus ist ein Ansatz ie. *tu̯eng̑h- ‘bedrängen’ erschließbar. Ob (bei einer ie. Auslautvariante auf -k-) auch toch. AB twāṅk- ‘einzwängen’, lit. tveñkti (Wasser) ‘stauen’, reflexiv ‘sich versammeln’ und (unnasaliert) griech. sáttein (σάττειν) ‘vollstopfen, festdrücken, bepacken, beladen, ausrüsten’ hier anzuschließen sind, ist zweifelhaft. Als Grundbedeutung für das germ. Verb ist ‘einen Körper durch Gewaltanwendung zusammenpressen’ anzunehmen; übertragener Gebrauch im Sinne von ‘überwältigen, überwinden, meistern, bedrängen, einengen, rügen’ ist in ahd. Zeit bereits voll ausgeprägt. tw-Anlaut (bei Notker einsetzend, vereinzelt schon im 9. Jh.) herrscht im Mhd. (bis etwa gegen Ende des 15. Jhs.), zw-Anlaut setzt im 14. Jh. ein. Häufig sind Fügungen wie zu etw. gezwungen (‘genötigt, verpflichtet’) sein (15. Jh.), sich gezwungen (‘genötigt’) sehen (17. Jh.). – zwingend Part.adj. ‘bedrückend, verpflichtend, unabdingbar’ (16. Jh.), ‘schlüssig, folgerichtig, überzeugend’ (18. Jh.); geläufig zwingende Not (17. Jh.), besonders zwingendes Gesetz (16. Jh.), dann rechtssprachlich zwingendes Recht ‘Recht, das keine abweichende Regelung durch Vereinbarung unter den Betroffenen zuläßt’ (19. Jh.). bezwingen Vb. ‘überwältigen, meistern’, ahd. bithwingan ‘einengen, zügeln’ (8. Jh.), mhd. betwingen ‘bedrängen, beengen, bändigen, (er)zwingen’. Zwinger m. ‘von innerer und äußerer Mauer, von Schloß- oder Stadtmauer und Graben begrenzter Raum, in dem der vorgedrungene Feind überwältigt werden soll’, allgemein ‘Befestigungsanlage’ (15. Jh.), auch (da im Zwinger zu dessen Bewachung starke Hunde oder Bären gehalten wurden) ‘Tiergehege, Käfig’ (ebenfalls 15. Jh.), mhd. twingære, twinger, zwinger ‘Dränger, Überwältiger, Zwingherr (d. i. Grundherr mit Hoheitsrechten über Land und Leute)’; vgl. ahd. nōtthwingāri ‘gewaltsamer, heftiger Mensch’ (Hs. 12. Jh.). Zwang m. ‘Druck, Nötigung durch Macht, Androhen von Gewaltanwendung’, ahd. thwang ‘Zügel’ (um 900), githwang ‘Zucht, Zwang’ (9. Jh.), mhd. twanc (auch zwanc) ‘Beengung, Gewalt, Einschränkung, Not, Bedrängnis’, ablautendes Verbalabstraktum. zwängen Vb. ‘gewaltsam einengen, Druck ausüben, pressen’, ahd. thwengen ‘bedrängen, züchtigen, beängstigen’ (9. Jh.), mhd. twengen (auch zwengen) ‘Zwang antun, drücken, zusammenpressen, bändigen’, mnd. dwengen ist Kausativum zu dem unter zwingen (s. d.) behandelten Verb. zwangsläufig Adj. ‘zwingend eintretend, unabwendbar, notgedrungen’ (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
(jemanden) nötigen (zu) · (jemanden) zwingen (zu) · jemanden zu etwas bringen  ●  (jemandem) ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann  ugs., Spruch, floskelhaft
Assoziationen
Synonymgruppe
(sich) zusammennehmen (und) · (sich) zusammenreißen (und) · (sich) zwingen  ●  (sich) am Riemen reißen  ugs.
Synonymgruppe
(jemanden) große Überwindung kosten (etwas zu tun) · (sich) zwingen (müssen) · (sich) überwinden (müssen)  ●  (jemanden) hart ankommen  geh., variabel, veraltend
Assoziationen
  • (jemandem) ein Dorn im Auge sein · (jemandem) gegen den Strich gehen · (jemandem) nicht gefallen · (jemandem) nicht recht sein · (jemandem) sauer aufstoßen · (jemanden) stören · nicht nach jemandes Geschmack sein  ●  (jemandem) missfallen  geh. · (jemandem) nicht passen  ugs. · (jemandem) nicht schmecken  ugs., fig. · (jemandem) quer durch den Hals gehen  ugs., selten, fig. · (jemandes) Missfallen erregen  geh. · etwas haben gegen  ugs.

Typische Verbindungen zu ›zwingen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›zwingen‹.

Verwendungsbeispiele für ›zwingen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Man kann einen erwachsenen Mann dazu zwingen, sich die Haare zu stutzen. [Schulz, Johannes: Erziehung zum Untertan. In: Haug, Hans-Jürgen u. Maessen, Hubert (Hgg.) Kriegsdienstverweigerer – Gegen die Militarisierung der Gesellschaft, Frankfurt a. M.: Fischer 1971, S. 24]
Wenn die Geschichte überhaupt noch gut gehen soll, muß man den Wagen durch die Kurve zwingen! [Dillenburger, Helmut: Das praktische Autobuch, Gütersloh: Bertelsmann 1965 [1957], S. 415]
Und wir werden gezwungen sein, sie nach Kriegsrecht zu erschießen. [Schlögel, Karl: Petersburg, München Wien: Carl Hanser Verlag 2002, S. 1005]
Erst im Zeichen des modernen ökologischen Denkens finden wir uns gezwungen, unsere Abfälle in unser Bewußtsein zurückzunehmen. [Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 280]
Aber weil er nicht geht, werden wir ihn dazu zwingen, 1986. [Der Spiegel, 05.12.1983]
Zitationshilfe
„zwingen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/zwingen>.

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