zwingend

Grammatikpartizipiales Adjektiv · Komparativ: zwingender · Superlativ: am zwingendsten
Worttrennungzwin-gend
Grundformzwingen
ZDL-Vollartikel, 2020

Bedeutungen

1.
unbedingt, unerlässlich; notwendigerweise, verpflichtend; dringend (2), vordringlich
siehe auch zwangsläufig
Beispiele:
Deutschland verändert sich. Die Dinge, die den Menschen wichtig sind, sie sind nicht mehr zwingend dieselben wie vor zehn oder zwanzig Jahren. [Süddeutsche Zeitung, 31.12.2018]
Fürs tägliche Pendeln auf langen Strecken taugt das Taxi damit [aufgrund dieser Preisstruktur] kaum, für einzelne zwingende Erledigungen zwischendurch aber eben schon. [Süddeutsche Zeitung, 27.12.2018]
[…] seine Mannschaft hat bisher 20 Punkte gesammelt – und damit bereits einen beziehungsweise drei Zähler mehr als in den beiden vergangenen Halbserien unter [Trainer Sandro] Schwarz. Das ist ein Erfolg, der zwischendurch nicht zwingend zu erwarten war. [Süddeutsche Zeitung, 21.12.2018]
Hier [im Bildbearbeitungsprogramm Photoshop 4] kann man die Parameter einer erstellten Ebene nicht nachträglich verändern – diese müssen also bereits beim Erstellen festgelegt werden. Diese Einschränkung ist gerade dann fatal, wenn die Aktion zwingend einen derartigen Ebenenwechsel verlangt. [C’t, 1999, Nr. 6]
Der zwingendste Grund der Straßenverbreiterung um vier Meter war wohl der eingleisige Straßenbahnverkehr. Die Bahnen fahren in 2 Minuten Abstand, und die kleinste Verzögerung an den Kreuzungen führt zu Stockungen, Schienenstörungen – gar zu Ausfällen der wichtigen Verkehrsverbindung in die Innenstadt. [Berliner Zeitung, 19.10.1955]
Beim »Wiederaufbau Berlin« werden […] solche [Holzbearbeitungs-]Maschinen laufend benötigt, so daß ihre Herstellung durch die hiesige Maschinenindustrie zur zwingenden Notwendigkeit wurde. [Berliner Zeitung, 15.12.1945]
Wenn wir Fortbildung der Mädchen als ebenso zwingende Forderung erkennen lernen wie Fortbildung der Knaben, muß das Interesse der Allgemeinheit dem Interesse des einzelnen Arbeitgebers voranstehen. [Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905.]
Kollokationen:
als Adjektivattribut: eine zwingende Notwendigkeit; ein zwingender Grund
als Adverbialbestimmung: etw. ist zwingend vorgeschrieben, erforderlich, notwendig; etw. ergibt sich zwingend
mit Adverbialbestimmung: nicht zwingend
2.
konsequent, stringent, unwiderlegbar
Beispiele:
In der Theorie erscheinen viele Diäten zwingend logisch, aber im menschlichen Alltag, das wissen Leidtragende nur zu gut, ist es komplizierter. [Süddeutsche Zeitung, 31.12.2018]
Nur weil Emojis keine Syntax haben, folgt daraus nicht zwingend, dass sie keine Sprache darstellen. [Süddeutsche Zeitung, 18.12.2018]
Selbst wenn die absolute Armut eliminiert und ein Mindestmaß an Wohlstand erreicht wird, ist damit die Chancengleichheit auf Gesundheit offensichtlich nicht gegeben. Das zwingendste Argument gegen die relative Ungleichheit ist daher, dass sie eine Frage von Leben und Tod sein kann. [Der Standard, 04.07.2001]
Kollokationen:
als Adjektivattribut: eine zwingende Voraussetzung, Konsequenz; zwingende Logik
als Prädikativ: ein Schluss, Argument ist zwingend
3.
häufig Sport naheliegend; unausweichlich, unumgänglich
Beispiele:
Die zwingendste Torgelegenheit bot sich allerdings Cole nach einem Steilpass. [Neue Zürcher Zeitung, 15.02.2001]
Anders als bei I. M. Peis Pyramide im Louvre soll dieser neue Eingang [zu den Museen auf der Museumsinsel] aber wiederum auch nichts Zwingendes und Zentralistisches haben; die anderen Türen bleiben geöffnet. [Süddeutsche Zeitung, 13.12.2018]
Nach der Pause kam Westdeutschland besser ins Spiel, doch auch jetzt arbeiteten die Italiener mit schnellen Vorstößen die weitaus zwingenderen Chancen heraus. [Neues Deutschland, 31.03.1955]
Kollokationen:
als Adjektivattribut: eine zwingende Chance
4.
Kunst eindringlich, überzeugend
Grammatik: meist im Superlativ
Beispiele:
Im November 1993 ließ Holzer ihn [ihren anlässlich der Kriegsgreuel in Bosnien entstandenen Text] ins Magazin der Süddeutschen Zeitung drucken, teilweise mit dem Blut bosnischer Frauen – ihre vielleicht gewagteste und zwingendste Arbeit. [Süddeutsche Zeitung, 10.02.2001]
Am wohl zwingendsten und konzentriertesten ist Griseys musikalische Ästhetik an seinem großkonzipierten, sechsteiligen Zyklus »Les Espaces Acoustiques« (Die akustischen Räume) abzulesen[…]. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2001]
»Ehe im Schatten« – dank dem guten Drehbuch nach einer Novelle von Hans Schweikart und der subtilen Regie von Dr. Kurt Naetzig die schärfste und zwingendste Anklage der Quälerei an Menschen durch Menschen, die wir in deutschen Nachkriegsfilmen sahen. [Die Zeit, 29.04.1948, Nr. 18]
Den 175. Geburtstag Ludwig van Beethovens[…] feiert die Städtische Oper mit einer Festaufführung von »Fidelio«. Man kann Beethoven nicht zwingender in unsere Zeit hineinstellen als mit diesem Werk, das eine leidenschaftliche Anklage gegen alle Tyrannei ist. [Berliner Zeitung, 15.12.1945] ungewöhnl.
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

zwingen · zwingend · bezwingen · Zwinger · Zwang · zwängen · zwangsläufig
zwingen Vb. ‘gewaltsam zu etw. nötigen, zu etw. veranlassen, mit etw. fertig werden, etw. meistern’. Das stark flektierende Verb ahd. thwingan (8. Jh.), twingan (9. Jh.) ‘zwingen, unterjochen, beherrschen, festbinden’, mhd. twingen, dwingen, auch quingen, (seit 14. Jh.) zwingen ‘(zusammen)drücken, pressen, (be)drängen, nötigen, einschließen, beherrschen, bändigen’, asächs. thwingan ‘zwingen, bedrängen’, mnd. dwingen, mnl. dwinghen, nl. dwingen, afries. thwinga, aschwed. (auch schwach) þvinga, schwed. tvinga (germ. *þwingan) und schwach flektierendes anord. (aus dem Mnd.?) þvinga ‘zwingen, quälen’ lassen sich lediglich mit awest. θwązǰaiti ‘gerät in Bedrängnis’ vergleichen. Daraus ist ein Ansatz ie. *tu̯eng̑h- ‘bedrängen’ erschließbar. Ob (bei einer ie. Auslautvariante auf -k-) auch toch. AB twāṅk- ‘einzwängen’, lit. tveñkti (Wasser) ‘stauen’, reflexiv ‘sich versammeln’ und (unnasaliert) griech. sáttein (σάττειν) ‘vollstopfen, festdrücken, bepacken, beladen, ausrüsten’ hier anzuschließen sind, ist zweifelhaft. Als Grundbedeutung für das germ. Verb ist ‘einen Körper durch Gewaltanwendung zusammenpressen’ anzunehmen; übertragener Gebrauch im Sinne von ‘überwältigen, überwinden, meistern, bedrängen, einengen, rügen’ ist in ahd. Zeit bereits voll ausgeprägt. tw-Anlaut (bei Notker einsetzend, vereinzelt schon im 9. Jh.) herrscht im Mhd. (bis etwa gegen Ende des 15. Jhs.), zw-Anlaut setzt im 14. Jh. ein. Häufig sind Fügungen wie zu etw. gezwungen (‘genötigt, verpflichtet’) sein (15. Jh.), sich gezwungen (‘genötigt’) sehen (17. Jh.). zwingend Part.adj. ‘bedrückend, verpflichtend, unabdingbar’ (16. Jh.), ‘schlüssig, folgerichtig, überzeugend’ (18. Jh.); geläufig zwingende Not (17. Jh.), besonders zwingendes Gesetz (16. Jh.), dann rechtssprachlich zwingendes Recht ‘Recht, das keine abweichende Regelung durch Vereinbarung unter den Betroffenen zuläßt’ (19. Jh.). bezwingen Vb. ‘überwältigen, meistern’, ahd. bithwingan ‘einengen, zügeln’ (8. Jh.), mhd. betwingen ‘bedrängen, beengen, bändigen, (er)zwingen’. Zwinger m. ‘von innerer und äußerer Mauer, von Schloß- oder Stadtmauer und Graben begrenzter Raum, in dem der vorgedrungene Feind überwältigt werden soll’, allgemein ‘Befestigungsanlage’ (15. Jh.), auch (da im Zwinger zu dessen Bewachung starke Hunde oder Bären gehalten wurden) ‘Tiergehege, Käfig’ (ebenfalls 15. Jh.), mhd. twingære, twinger, zwinger ‘Dränger, Überwältiger, Zwingherr (d. i. Grundherr mit Hoheitsrechten über Land und Leute)’; vgl. ahd. nōtthwingāri ‘gewaltsamer, heftiger Mensch’ (Hs. 12. Jh.). Zwang m. ‘Druck, Nötigung durch Macht, Androhen von Gewaltanwendung’, ahd. thwang ‘Zügel’ (um 900), githwang ‘Zucht, Zwang’ (9. Jh.), mhd. twanc (auch zwanc) ‘Beengung, Gewalt, Einschränkung, Not, Bedrängnis’, ablautendes Verbalabstraktum. zwängen Vb. ‘gewaltsam einengen, Druck ausüben, pressen’, ahd. thwengen ‘bedrängen, züchtigen, beängstigen’ (9. Jh.), mhd. twengen (auch zwengen) ‘Zwang antun, drücken, zusammenpressen, bändigen’, mnd. dwengen ist Kausativum zu dem unter ↗zwingen (s. d.) behandelten Verb. zwangsläufig Adj. ‘zwingend eintretend, unabwendbar, notgedrungen’ (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
alternativlos · ↗imperativ · nicht verhandelbar · ohne Alternative · ↗unabdingbar · ↗unabweisbar · ↗unabwendbar · ↗unaufhaltsam · ↗unausweichlich · ↗unumgänglich · ↗unvermeidbar · ↗unvermeidlich · ↗vorherbestimmt · zwingend  ●  daran führt kein Weg vorbei  fig. · daran geht kein Weg vorbei  fig. · programmiert  ugs. · ↗vorprogrammiert  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
nicht zu leugnen · nicht zu widerlegen · ↗unabweisbar · ↗unanfechtbar · ↗unangreifbar · ↗unbestreitbar · ↗unbezweifelbar · ↗unleugbar · ↗unwiderlegbar · ↗unwiderleglich · ↗unzweifelhaft · ↗zweifelsfrei · zwingend  ●  ↗hart (Fakten)  ugs., fig. · nicht in Abrede zu stellen  geh.
Assoziationen
Synonymgruppe
benötigt · ↗erforderlich · ↗notwendig · ↗nötig · ↗obligat · ↗obligatorisch · ↗unabdingbar · ↗unvermeidlich · ↗vonnöten · vorgeschrieben · zwingend  ●  mandatorisch  selten
Assoziationen
Synonymgruppe
notgedrungen · ↗notwendigerweise · ↗unbedingt · ↗unvermeidlich · wohl oder übel · ↗zwangsläufig · zwingend  ●  ↗nolens volens  geh., lat.
Assoziationen
Synonymgruppe
erforderlich · geboten · ↗notwendig · ↗nötig · ↗unabweisbar · ↗unausweichlich · ↗unbedingt · ↗unentbehrlich · ↗unerlässlich · ↗unvermeidlich · ↗wesentlich · zwingend · zwingend geboten  ●  (eine) conditio sine qua non  geh., lat. · unbedingt nötig  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
(ein) Muss · ↗(unbedingt) notwendig · nicht (mehr) wegzudenken · sollte man haben · ↗unabdingbar · unbedingt dazugehören · ↗unentbehrlich · ↗unumgänglich · ↗unverzichtbar · ↗vonnöten · ↗wichtig · zwingend · zwingend benötigt  ●  (ein) Must  engl. · (sollte) in keiner Sammlung fehlen  ugs., formelhaft · ↗de rigueur  geh., bildungssprachlich, franz. · gehört in jeden (gut sortierten ...)  ugs., formelhaft · ↗indispensabel  geh., veraltet, bildungssprachlich
Oberbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
denkrichtig · ↗folgerichtig · ↗kohärent · ↗konsequent · ↗logisch · ↗schlüssig · ↗stichhaltig · ↗stimmig · ↗stringent · ↗triftig · ↗widerspruchsfrei · zwingend · ↗überzeugend  ●  ↗folgerecht  veraltend
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›zwingend‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Argument Ausweisung Ausweisungsgrund Beweis Erfordernis Folgerung Gebot Grund Konsequenz Logik Norm Notwendigkeit Schlußfolgerung Torchance Voraussetzung Vorgabe Vorschrift Völkerrecht erforderlich erfordern geboten geradezu keinesfalls keineswegs logisch nicht notwendig voraussetzen vorgeschrieben vorschreiben

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›zwingend‹.

Zitationshilfe
„zwingend“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/zwingend>, abgerufen am 26.02.2020.

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